Von Martin Ahrends

Potsdam, im Juni

Sie hatte immer zu den Besten gehört. Jana, die achtzehnjährige Potsdamer Schülerin, brachte kaum ein Zeugnis nach Hause, das von einer "Zwei", einem "Gut", verunziert worden wäre. Folgsam und fleißig wuchs sie auf. Nach dem Abitur wollte sie "Meliorationsbau" studieren; eigentlich ja Biologie, aber "da kommt man sowieso nicht ran". Weshalb sie sich denn nicht beworben habe? Sie habe vor allem Angst vor einer Ablehnung gehabt. Bei einer so guten Schülerin hatte ich mehr Selbstbewußtsein vermutet. Aber bei ihr ist das umgekehrt: Ihre "sehr guten Leistungen" wurzeln auch in dem Grundgefühl, niemals zu genügen.

Im letzten Winter, kurz vor dem Abitur, brachte sie zum ersten Mal in ihrem Leben schlechte Noten nach Hause, sie wollte die Schule quittieren und "irgendwas machen". Ihre Lehrer versuchten damals, ideologisch die Kurve zu kriegen; plötzlich waren sie alle schon immer November-Revolutionäre gewesen. Wie im Spuk hatte sich alles – scheinbar – verkehrt, und alles lief tatsächlich weiter wie bisher.

Es gab ein paar neue Vokabeln. Staatsbürgerkunde hieß nun Gemeinschaftskunde. Es gab neue Anschläge an der Wandzeitung mit öffentlichen Aufrufen der Umwelt-Grüppchen, die bisher im Verborgenen gewurstelt hatten, oder mit peinlichen Versuchen der FDJ-Nachfolgeorganisation, sich neu zu definieren. Man wurde auch zu guter Letzt und auf die schnelle noch über dies und das aufgeklärt, was in den Lehrplänen bisher nicht vorkam: was denn eine freie und soziale Marktwirtschaft, was Pluralismus sei, und was auf den Konferenzen von Teheran und Jalta beschlossen wurde über die beschränkte Souveränität der deutschen Besatzungszonen. Was Jana schockierte: Da war sie aufgewachsen in einem angeblich souveränen Staat, dem die Zukunft gehörte, der für einen sorgte, wenn man fleißig war und sich ihm gegenüber wohlverhielt. Und plötzlich fielen diese fixen Größen, an die sich anzulehnen ihr zur Gewohnheit geworden war. Sie fielen um wie Kulissen. "Was geht mich dieses Jalta an?" fragt Jana, "plötzlich habe ich gar keine richtige Heimat mehr, nichts, worauf man sich verlassen kann." Dem gegenüber, was da von Westen her an Neuem auf sie einstürmt, ist sie sehr skeptisch, eigentlich grundsätzlich ablehnend. Da werde ihnen etwas übergestülpt, auf das sie keinen Einfluß hätten, das sie weder kennen noch überprüfen könnten und das sie jetzt erst recht zu Deutschen zweiter Klasse mache.

Ich erinnere mich an mein Potsdamer Abitur vor zwanzig Jahren: Für uns wäre die Grenzöffnung ein Glücksfall gewesen, die Eröffnung ganz neuer Lebensperspektiven, die Befreiung von sehr bewußten Zwängen. Zwei zwölfte Klassen einer Potsdamer Erweiterten Oberschule (EOS) habe ich zum Thema Wiedervereinigung befragt. Der neue, junge Direktor ist meinem Begehr gegenüber nicht abgeneigt, da die Zwölften ihre schriftlichen Prüfungen hinter sich haben; eine Stunde im Fach Gemeinschaftskunde und eine im Fach Latein kann ich bei den Lehrern für mein Vorhaben erbitten. Geredet werden soll über Identität, über das, was man werden könnte oder nicht mehr ist, wenn aus der DDR einmal ein Stück "Ganzdeutschland" geworden ist. Geredet werden soll vor allem darüber, was sich seit der "Wende" für die jungen Leute geändert hat. Und darüber, ob sie sich betrogen fühlen, von den Erwachsenen, von der "Geschichte" oder auch von sich selbst.

Als ich nach den Lehrern frage, nach ihrer Glaubwürdigkeit auch in diesem Fach Staatsbürgerkunde, wird breit gefeixt – der ehemalige "Stabü"-Lehrer, der jetzt Gemeinschaftskunde gibt, sitzt mit im Raum –, man schmunzelt, aber man schweigt fein stille. Immer wieder bemerke ich, daß man dem Westler gegenüber zusammenhält. Ich höre kein schlechtes Wort über die Lehrer, die Schule oder über den Lehrplan; das sind offenbar Interna, für die ich als Westler der falsche Adressat bin.