ARD, Mittwoch, 30. Mai: "Moffengriet"

Wenn es Streit gibt und Krieg, höret zugleich die Liebe nicht auf. Romeo und Julia gehen ihr Wagnis immer wieder ein. Auch im Zweiten Weltkrieg wurde über die Fronten hinweg geliebt. Ein schöner Gedanke: den Feind umarmen.

In "Moffengriet. Liebe tut, was sie will", einem Fernsehfilm von Raimund Weber (Buch) und Eberhard Itzenplitz (Regie), trifft das Hollandmädel Tiny auf den deutschen Soldaten Bernd. Ganz wie bei Shakespeare ist es Liebe auf den ersten Blick. Als Bernd zur Front abrückt, läßt er ein Photo da, sie gibt ihm ein Armband. Beide wissen: Wenn sie wieder zusammenkommen, soll es für immer sein. Aber statt Bernd kommen erst mal die Alliierten. Tiny wird von zu Hause abgeführt, in ein Lager gesteckt und kahlgeschoren – als "Moffengriet": Mädchen, das mit einem Deutscher ging.

Dieser Film schafft die Typen ab, indem er den Realismus des Zwischentyps, des ambivalenten, gespaltenen, mehrschichtigen Zeitgenossen durchsetzt. Es gibt weder schnarrende Nazis zu sehen noch edle Widerständler und nur einen einzigen kriechenden Kollaborateur. Bernd ist ein begeisterter Soldat und Offiziersanwärter, er tönt am heimischen Eßtisch: "Diesmal wird Deutschland siegen." Aber als er dann in Holland das Elend der Besatzung mit eigenen Augen sieht, schaudert es ihn. Er ist zackig und treuherzig zugleich, und daß Tiny ihn lieben muß, ist vollkommen natürlich. Sie wiederum ist doch nur verknallt, statt eine Verräterin oder Nutte zu sein. Es ist einfach Liebe, die tut was sie will. Und alle, die dagegen sind – Tinys Bruder, auch die Mutter und vor allem der Priester –, haben ihre guten, vielleicht gar moralisch überlegenen Gründe. Aber die ändern nichts an Amors Entscheidung.

Es ist schade, daß die Stärken des Films – der "schöne Gedanke", der Verzicht auf Klischees, poetische Bilder und das blendende Spiel des Bernd-Darstellers Konstantin Graudus – seine Schwächen nicht aufwiegen. Autor und Regisseur haben den Krieg bewußt ausgespart und ihre Geschichte ganz aus der "zivilen" Perspektive der Wohnküchen, Schlafzimmer und Hotelbars erzählt. Wir hören von Fleischknappheit, Arbeitseinsätzen, Ausgangssperren, erfahren also von den Reflexen des Krieges "in der Heimat". Aber die Echos der Geschützdonner bleiben seltsam matt. Eine Ahnung davon, daß etwas Schreckliches geschieht, stellt sich nicht ein, und so auch keine Angst um das junge Paar. Wenn Bernd von der Front erzählt, vermißt man die Bilder, welche der Film als Medium seinem Publikum schuldet. Als Bericht, Zitat und Reflex ist der Krieg im Film nicht wirklich vorhanden.

Die einzige brutale Szene, die Erschießung von zehn Geiseln, wirkte wie eine mißglückte Stellprobe mit übermüdeten Statisten. Sie verfehlte ihren Zweck, die Veranschaulichung der "Rückkehr" von Mord und Schlacht ins Zivilleben, und verstärkte noch den Eindruck, daß der Krieg, von dem immer die Rede ist, nicht eigentlich stattfindet. Da Streit und Haß aber nicht nur den Hintergrund, sondern den Kern einer jeden Romeo-und-Julia-Geschichte abgeben, wirkte sich in diesem Film die schwache, indirekte, nurmehr behauptete Präsenz des Krieges fatal aus. Das Paar leidet, und man weiß auch, warum. Aber man weiß es, weil man es gesagt gekriegt, nicht weil man es gesehen hat. Barbara Sichtermann