Von Ulrike Meyer

Die feingliedrigen Palmwedel schimmern in der Sonne, als seien sie in Silber gefaßt. Bananenstauden, die sich unter den Kokosbäumen drängen, schlucken mit ihren breiten Blättern gierig das Licht, das ihnen die hohen Wipfel der Palmen übriglassen. Dichtes Grün überwuchert die Erde. Farne und Brombeeren, fünffingerige Schlingpflanzen und wildes Gebüsch brechen aus dem Erdreich hervor. Tiefblaue Winden und violette Bougainvillea, weiße, süß duftende Franchipani, gelbe, orangefarbene, rote Blüten überall. Die Natur hat Bali zu ihrem Meisterstück erkoren – hier zeigt sie ihr ganzes Können und ihre Kraft.

Zwischen den wildbewachsenen Bergen, die von Bächen und tiefen Schluchten zerschnitten sind, stapeln sich Terrassen, Reisfelder, die sich weichgeschwungen an die Hänge schmiegen. Mal als glänzende Wasserspiegel, in denen die Menschen bis zu den Waden versinken und mit gebeugtem Rücken die Pflanzen aus schwimmenden Körben ins nasse Feld setzen. Mal als saftig grüne, wogende Fläche, die schon kurz vor der Ernte steht. Immer eingefaßt in sorgfältig wie von Künstlerhand geformte Lehmwälle; immer von plätschernden, planvoll geleiteten Rinnsalen bewässert. Wo sich die Täler weiten, flachen die Terrassen ab, werden die Felder größer. Bis hoch zu manchem Gipfel klettern die Treppen, immer steiler werdend, auf denen Balis Brot wächst.

Hoch oben, auf den höchsten Bergen, residieren ungestört die Götter. Unten im Meer hausen die Dämonen. Dazwischen bleibt den drei Millionen Balinesen nicht viel Raum. Denn auf ihrer paradiesisch grünen Vulkaninsel, die in ihrer äußersten Ausdehnung 150 Kilometer breit und 80 Kilometer lang ist, kommen sich Berge und Meer, Gut und Böse, ziemlich nah.

Die vorsichtige Distanz, die die Menschen auf Bali stets zum nassen Element der Dämonen hielten, ist nun nicht mehr gewahrt: Vor allem im flachen Süden der Insel hat der Tourismus die alten Tabuzonen, die Strände, besetzt. Sind die hellhäutigen Gäste, die alljährlich zu Hunderttausenden auf der "Insel der Götter" einfallen und die Berührung mit den Meeresteufeln nicht scheuen, vielleicht Abgesandte aus dem Reich des Bösen? Oder sind sie gute Geister, die die dunklen Mächte bannen?

Für die Balinesen gibt es da keine eindeutigen Antworten – die Dualität von Gut und Böse bestimmt nun mal das Leben. Vorsichtshalber beschwichtigen sie die Dämonen mit ungebrochenem Elan und einer Flut von Opfergaben. Vor jedem Haus, vor jedem Laden mit noch so nobler Touristenware duften Räucherstäbchen in blattgeflochtenen, blütengefüllten Körben und rauben den feindlichen Mächten ihre Kraft. Und das zeigt Wirkung: Gegenüber üblen Einflüssen von außen scheinen die Balinesen verhältnismäßig resistent zu sein.

Kadek Suatjana lebt zwischen zwei Welten. In einem Dorf mit fünfzig Familien, 45 Kilometer von Balis Hauptstadt Denpasar entfernt, wurde er vor 43 Jahren geboren – als Sohn eines Lehrers, der seine Reisfelder verpachten konnte und zudem als Priester für das Seelenheil der Dorfbewohner zuständig war. Der einzige Sohn war privilegiert: Statt den Reisanbau von Kindesbeinen an zu erlernen, studierte Kadek Suatjana Architektur in Aachen und lernte westliche Denkungsart kennen.