Von Marion Gräfin Dönhoff

Vor etwa einem Jahr las ich im Spiegel: "Theo Sommer (59)..." Was danach dort geschrieben stand, weiß ich nicht mehr, denn die 59 traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel, alles andere drang gar nicht mehr in mein Hirn. Ich stand sofort auf, ging hinüber zu Sommers Zimmer und erklärte kategorisch: "Ted, da müssen Sie aber wirklich dem Spiegel schreiben, es ist doch einfach unerhört. Die behaupten, Sie seien 59! Neunundfünfzig!" Zu meiner nicht geringen Überraschung entgegnete Ted eher belustigt: "Ja, ich werde nächstes Jahr 60."

Daß ich vor nicht langer Zeit selbst einen runden – weit runderen – Geburtstag überstehen mußte, hat mich damals, mindestens vorübergehend, auch sehr verwundert, aber weitaus weniger als diese Mitteilung. Ich kann es einfach nicht glauben. Schließlich ist es doch erst ein paar Jahre her, seit ich nach Tübingen reiste, um den Studenten Theo Sommer zu besichtigen, von dem sein Lehrer, Professor Eschenburg, meinte, er könne vielleicht etwas für die ZEIT sein.

Damals, als mein Zug in die Bahnhofshalle rollte, stand ein großer, gutaussehender junger Mann auf dem Bahnsteig; er trug keinen Schlips, sondern eine Fliege – was mir ein wenig dubios erschien – und begrüßte mich auf eine ungemein liebenswürdige Weise. Wir gingen zusammen einen Kaffee trinken, sprachen viel und fanden Gefallen aneinander. Nach zwei Stunden stand mein Entschluß fest: Er entsprach ganz offenkundig in menschlicher, politischer und moralischer Hinsicht dem Koordinatensystem der ZEIT. Übrigens erregt sein Alter allgemein Ungläubigkeit, und daran ist er selber schuld: Er sieht heute noch fast genauso aus wie jener Student auf dem Tübinger Bahnsteig.

Was wäre aus der ZEIT geworden, wenn jene Zusammenkunft damals nicht stattgefunden hätte, oder, noch wichtiger: wenn Eschenburg nicht unser Berater gewesen wäre? Allerdings auch, was wäre aus Theo Sommer geworden? Er wäre vermutlich irgendwo Botschafter oder Staatssekretär i.R., vielleicht auch General, und stünde kurz vor seiner Pensionierung – während die ZEIT hoffen kann, sich seiner Feder, seines anregenden Geistes und seiner respektheischenden Schaffenskraft noch lange zu erfreuen.

Schaffenskraft: Ich kenne niemand anderen, der so unbegrenzt leistungsfähig ist, sich so viel abverlangt. Sein Lesevermögen ist unbegrenzt, keine Neuerscheinung aus dem deutschen oder englischen Sprachraum, die er nicht gelesen oder mindestens durchgeblättert hat, kein wichtiger Artikel, der ihm hätte entgehen können. Wenn es nötig ist, nimmt er sich am Redaktionsschlußtag nach zehnstündiger Arbeit noch um Mitternacht ein verunglücktes Manuskript vor und schreibt es um. Jeder andere würde in einem solchen Fall resignieren und finden, man solle den Artikel eine Woche schieben.

Übrigens, jeder Autor muß redigiert werden, auch der Chefredakteur, auch die Herausgeber. Keiner aber redigiert so sicher, so sinngemäß und so schnell wie Theo Sommer. Nur ganz selten schleicht sich dabei einmal ein neuer Fehler ein. So entdeckte ich neulich gerade noch rechtzeitig, daß er aus Staatspräsident de Klerk einen Ministerpräsidenten gemacht hatte; der vorsichtige Autor schaut eben hinterher doch noch einmal drauf, denn auch der große Stern unter allen kleinen Sternen ist eben nicht unfehlbar.