Von Gisela Mahlmann

Peking, im Juni

Sie war gespenstisch, diese Nacht vom 3. zum 4. Juni. Auf dem Campus der Beida, der Pekinger Universität, voriges Jahr das geistige Zentrum der Demokratiebewegung, waren alle Wohnheime hell erleuchtet. Die Parole "Kommt raus, die Beida hat keine Angst" sprang von Fenster zu Fenster. Immer wieder ertönte die Internationale. Studenten warfen Flaschen über die Mauer des Uni-Geländes auf die Straße. Flaschen sind das Symbol für Deng Xiaoping, dessen Vorname Xiaoping wie "kleine Flasche" klingt. Mit dieser Aktion drückten die Studenten ihre Verachtung für den Politiker aus, der die Blutnacht von Peking vor einem Jahr angeordnet hatte.

Gegen Mitternacht versammelten sich zwischen 500 und 1000 Studenten vor dem großen Vorlesungsgebäude, um der Opfer der Demokratiebewegung zu gedenken. Ein Kommilitone hielt eine kurze, mutige Rede gegen die Regierung "der wilden Autokraten". Der erste Versuch von Universitätsangestellten, die Studenten zur Ruhe und in die Wohnheime zurückzubringen, wurde niedergezischt. Später folgten die Studenten den Aufrufen zur Besonnenheit. Jetzt auf die Straße zu gehen, das wußten sie, wäre "so sinnlos, wie Eier gegen Felsen zu werfen".

Die bewaffneten Patrouillen um die Universität wurden nach Mitternacht immer dichter, alle Wagennummern wurden registriert. Chinesische Schaulustige an den Toren folgten schon auf einen kleinen Wink den Aufforderungen der Uniformierten zu verschwinden. Stände der fliegenden Händler wurden einfach umgeworfen. Als wir gegen ein Uhr nachts aus dem Auto heraus eine Straßensperre filmen wollten, wurden wir mit Maschinenpistolen im Anschlag angehalten. Mehrere Uniformierte versuchten uns aus dem Wagen zu zerren und machten dabei hemmungslos von ihren Schlagstöcken Gebrauch. Diese hysterische Überreaktion – andere Kollegen berichten von ähnlichen Beispielen – macht vor allem eines deutlich: In China zittert nicht nur das Volk vor den Mächtigen – wie es die traditionelle Schlußformel der kaiserlichen Edikte einst forderte sondern auch die Mächtigen vor dem Volk.

Vor einem Jahr skandierten die Demonstranten immer wieder den Satz: "Eine Revolutionspartei fürchtet nicht die Stimme des Volkes, denn das Schlimmste ist, wenn das Volk verstummt." Die Chinesen sind fast ganz verstummt. Ein Jahr lang wurden sie indoktriniert, ein Jahr lang bekamen sie die sogenannte Wahrheit über die "konterrevolutionäre Rebellion" eingehämmert. Immer wieder mußten sie aufschreiben, was jeder in den Tagen der Demokratiebewegung getan und gedacht hatte, immer wieder hörten sie von neuen Verhaftungen und Hinrichtungen jener "Kriminellen der Konterrevolution": Dieses Jahr hat die Chinesen gelehrt zu schweigen, nicht nur aus Angst, auch aus Opportunismus und auch weil die jahrtausendealte konfuzianische Unterwerfungstradition noch tief in den Köpfen verwurzelt ist.

Aber am Jahrestag des Massakers gab es viele kleine Zeichen, wie die Chinesen wirklich denken. Nicht nur vor dem Mao-Bild am Tor des Himmlischen Friedens wurden aus fahrenden Wagen oder öffentlichen Bussen weiße Papierstücke auf die Straße geworfen, auch vor Polizeistationen und den Büros der Sicherheitskräfte landeten immer wieder Bündel von weißem Papier – von Totengeld. Dieser Brauch der Totenehrung wurde so auch zu einem Symbol der Verachtung. Ein Mann wagte, auf dem Tiananmen-Platz ein Transparent zu entrollen, wurde aber gefaßt, bevor die Umstehenden den Text lesen konnten. Eine junge Frau steckte mir ein Bündel Papiere in die Tasche, konnte mir noch mit einer Geste bedeuten, sie nicht herauszugeben, und wurde im nächsten Moment mit ihrem Begleiter von Zivilpolizisten abgeführt. Das achtzehnseitige Schreiben ist ein wirres Gemisch von Beschuldigungen gegen "diese Regierung, die eine Mörderbande ist", von Ängsten vor einer Hexe, "die die ganze Welt beherrscht". Ob diese Frau krank ist oder politische Motive hat, kann ich nicht beurteilen, aber daß ein Mensch sofort festgenommen wird, nur weil er einem Ausländer etwas zusteckt, zeigt auch, wie groß die Unsicherheit dieser Regierung ist.