Von Dominique Moïsi

PARIS. – Die Euphore über die Befreiung Europas hat sich gelegt. Jetzt geht es darum, was für ein Europa wir uns künftig wünschen. Wird es ein Kontinent der Aufklärung sein, der die künstlich auferlegten Teilungen überwindet und im Namen der Demokratie zu einem neuen Verbund der Verantwortung, des Wohlstands, der Kultur wird? Kann Europa an der Schwelle zum 21. Jahrhundert seine alte Bedeutung wiedererlangen, seine inneren Spannungen überwinden und vor allem auch den veniger begünstigten Regionen der Welt eine helfende Hand reichen? Wird sich dieses humanistische Europa unter der Ägide liberaler, pluralistischer Werte durchsetzen können?

Die Antwort steht noch aus. Denn leider gibt es auch ein anderes Europa. Es ist geprägt von der Rückkehr zu den bösen Geistern der Vergangenheit, es fühlt sich zu den dumpfen Versuchungen von Fremdenhaß, Rassismus und Chauvinismus hingezogen, sucht verzweifelt nach seiner Identität und benutzt den Ausschluß anderer, um seine inneren Ängste zu beruhigen. Das plötzliche, unvermutete Aufkommen antisemitischer Strömungen in Ost- und Westeuropa ist nur der jüngste, sichtbarste Ausdruck dieser gefährlichen Entwicklung.

Die nächsten Jahre werden Europa daher entscheidend auf die Probe stellen. Zum Glück hat das Europa, das wir uns erträumen, bessere Chancen als jenes, das wir fürchten. Aber mit Hoffnung und Vertrauen muß Wachsamkeit einhergehen. Hinter den wichtigen Fragen von Wirtschaft, Politik und Sicherheit stellt sich die moralische Dimension europäischer Zukunft. Und die Art und Weise, wie wir mit der Vergangenheit umgehen, wird dabei den Ausschlag geben.

Völker können sich nicht straflos weiterentwickeln, wenn sie sich nicht mit ihrer Vergangenheit ausgesöhnt oder sich wenigstens eingehend im Sinne ihrer kollektiven Verantwortung damit auseinandergesetzt haben. Der Erfolg der Rechtsextremisten in Frankreich, die heute mehr Anhänger finden denn je seit dem Zweiten Weltkrieg, ist dafür ein Beispiel. Denn die Nationale Front des Jean-Marie Le Pen bedient sich des gleichermaßen empfindlichen wie populären Themas der Einwanderung, um dahinter den eindeutig antisemitischen Kern ihrer Ideologie zu verbergen. Viele Umstänce haben dazu beigetragen. Aber einer davon, der zu selten bedacht wird, liegt in dem allzulang anhaltenden französischen Konsens des Schweigens über die Vichy-Jahre und über die Verantwortung mancher Franzosen, die den Nazis bei den Juden-Deportationen halfen.

Frankreich kann nicht änger der Gefangene seiner Vergangenheit und jener Mythen sein, die Charles de Gaulle gleich nach dem Kriege schuf. Solange die Kollaboration Frankreichs mit den Nazis nicht angemessen und gründlich offengelegt wird, muß der Schatten des Zweifels auf einem Abschnitt unserer Geschichte lasten und uns daran hindern, uns richtig mit der extremen Rechten und "petainistischen" Tendenzen auseinanderzusetzen.

Auch im neuen Deutschland wird der Umgang mit der Vergangenheit zu einer zentralen politischen und moralischen Frage. Vichy dauerte nur vier Jahre, Nazi-Deutschland zwölf, die DDR mehr als vierzig Jahre. Dennoch wäre es ein tragischer Irrtum, wenn die "Entstasifizierung" nun von den Deutschen benutzt würde, um die Unzulänglichkeiten der "Entnazifizierung" wettzumachen. Die Bundesrepublik steht heute moralisch wegen ihrer offenen Auseinandersetzung über die kollektive Verantwortung der Deutschen sehr viel besser da als etwa Österreich, das sich unter dem Vorwand, nur das Opfer deutscher Anschlußpolitik gewesen zu sein, seiner Verantwortung entzogen hat.