Die Frage werde ich beantworten, wenn sie ansteht. Im Moment steht sie nicht an." So gibt der Spiegel, in Sachen Lafontaine zumindest zeitweise authentischer informiert als die SPD-Spitze, die Haltung des Rekonvaleszenten auf die Frage wieder, ob er nur Spitzenmann seiner Partei für Bundestagswahlen sei oder auch Kandidat für gesamtdeutsche Wahlen.

Damit sind die Unsicherheiten in der SPD erneut gewachsen, ob Lafontaine noch antreten will. Einigermaßen alarmiert klangen also die Pfingstbotschaften von Hans-Jochen Vogel, Björn Engholm und anderen aus der Parteispitze, allesamt bemüht, den Kandidaten in die Pflicht zu nehmen und zugleich darauf zu verpflichten, daß er der Partei "ein paar Zentimeter entgegenkommen" müsse, wenn diese im Streit um den Staatsvertrag ihre Forderung eingelöst sieht. Lafontaine sei "der richtige Kandidat", beteuerte also Vogel, er bleibe das auch bei gesamtdeutschen Wahlen. Alles deute darauf hin, fügte der Vorsitzende kühn hinzu, daß er "der nächste Bundeskanzler sein wird". Als solcher habe er auch bei gesamtdeutschen Wahlen eine herausragende Ausgangsposition. Wer im Dezember für die SPD kandidiere, assistierte Björn Engholm, der müsse auch ein Jahr später bei gesamtdeutschen Wahlen antreten.

Damit kommt die SPD zur Sache. Offenbar wird nun erst befürchtet, Lafontaine springe ab, falls Bundestagswahlen und gesamtdeutsche Wahlen nicht entzerrt werden. Die Einladung an Lafontaine steht, am 14. Juni seiner Parteispitze zu erklären, wie er es mit dem Staatsvertrag und mit seiner Kandidatur halten will. Aber bis zur Stunde sieht es so aus, als wolle der Kandidat Bonn meiden, jedenfalls am 14. Juni.

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Auch ungeschriebene Briefe sind Nachrichten. Oskar Lafontaine hatte wohl vor, einen Brief an den Vorsitzenden zu richten, ließ es sich aber wieder ausreden, wie es heißt. Seitdem aber geistern durch Bonn Gerüchte.

Gerüchtversion Nr. 1 lautet ungefähr folgendermaßen: Lieber Hans-Jochen, mein Spiegel- Interview ist vielleicht mißverstanden worden, wenn die Risiken des Staatsvertrags deutlich sind und ihr auch Nachbesserungen aushandelt, können die Sozialdemokraten in Bundestag und Bundesrat meinetwegen auch zustimmen, und ich bleibe mit Lust Kandidat, Gruß und Kuß...

Gerüchtversion Nr. 2: Lieber Hans-Jochen, nach reiflichem Überlegen möchte ich Dir als erstem mitteilen, daß ich meine Kandidatur nicht mehr aufrechterhalte, weil die Partei die Linie nicht einzuhalten bereit ist, auf die sie sich bei meiner Nominierung verpflichtet hatte. Ich empfehle Dir, sagen wir mal, Walter Momper als meinen Nachfolger, der hat sich schon lange einen Namen in Sachen Wiedervereinigung gemacht. Also dann bis zum September, Dein Oskar.