Von Helmut Trotnow

Was geschieht nun mit dem IML?" Diese Frage soll Willy Brandt gleich bei seinem ersten Zusammentreffen mit Hans Modrow nach dem 9. November 1989 gestellt haben. Hinter dem Kürzel verbirgt sich das "Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED", eine Einrichtung, die bis zum Sturz des Honecker-Regimes als ideologische Kommandozentrale im ersten Arbeiter-und-Bauern-Staat auf deutschem Boden galt.

Im Auftrage der Partei bestimmte das IML die Richtlinien der Geschichtsschreibung in der DDR. Ohne seine Zustimmung lief nichts. Fast alle großen Editionsvorhaben, sei es speziell zur Geschichte der deutschen und ausländischen Arbeiterbewegung oder allgemein zur deutschen Geschichte, kamen aus diesem Institut. Jetzt, nach dem Niedergang des Sozialismus in der DDR, ist es überflüssig geworden. Die Lehren von Marx und Engels, die Interpretation ihrer Vorstellungen durch Lenin und Stalin können keine dominierende Stellung mehr in der zukünftigen deutschen Gesellschaft beanspruchen.

All dies wäre nicht weiter tragisch, gäbe es da nicht ein Archiv und eine Bibliothek, deren Bestände aus kulturpolitischen wie aus forschungspolitischen Gründen vor ihrer Auflösung oder gar Abwanderung bewahrt werden müssen. Allein hierauf bezog sich denn auch die Frage des gesamtdeutschen Ehrenvorsitzenden der SPD, der sich wie kaum einer seiner sozialdemokratischen Amtsvorgänger mit der Geschichte der eigenen Bewegung auseinandergesetzt hat.

Brandt steht mit seinem Interesse am IML keineswegs allein da. Institute und Institutionen aus dem In- und Ausland zeigen bereits Kaufinteresse. Einige von ihnen, namentlich aus Japan und den USA, eruierten schon bald nach dem 9. November in Ost-Berlin und winkten mit großen Summen. Dort wird zwar an Überlebensstrategien gebosselt, doch dürften sie kaum Erfolgschancen haben.

Bereits Ende letzten Jahres wurde aus der SED die PDS, und aus dem IML wurde am 4. Januar 1990 das Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung. Optimistisch verkündete der neue Direktor des Instituts, Günter Benser, Jahrgang 1931 und langjähriger Mitarbeiter des IML, in einem Interview: "Diese Partei gewährt uns die materiellen Möglichkeiten wissenschaftlicher Arbeit, ohne deren Inhalte zu bestimmen." Die Absicht mag ja da sein, aber die Umstände werden es nicht zulassen, jedenfalls nicht für lange.

Als Rechtsnachfolger der SED wird die PDS kaum in der Lage sein, das Institut allein zu finanzieren. Die Unterhaltskosten für den wichtigen Bau unter der Renommeeadresse Wilhelm-Pieck-Straße 1 – 3 im Zentrum von Ost-Berlin dürften beträchtlich sein. Hinzu kommen die Personalkosten für rund 200 Mitarbeiter. Verbessern dürfte sich die Finanzlage der Partei so schnell auch nicht, denkt man an die Beschlüsse der Volkskammer von letzter Woche und vor allem an die politische Zukunft der Partei in einem demokratischen Gesamtdeutschland.