Von Irina Ginzburg

MOSKAU. – Jetzt ist doch eingetreten, was ich immer befürchtet habe. Wir Juden sind in Gefahr. Unser Leben ist von Angst geprägt, mehr als je zuvor.

Erinnern Sie sich an das Haus der Schriftsteller in Moskau? Wo Ronald Reagan sich bei seinem Besuch mit der sowjetischen Intelligenzija traf, wo das Essen so neu serviert wird, wo es so schön und angenehm ist, wo wir in froher Runde an einem von Speisen überladenen Tisch saßen – tranken, lachten und dann ein Photo machten von dem hinreißenden Abend? Hier versammeln sich die besten Moskauer – hier tanzte, so wird erzählt, Leo Tolstojs Heldin Natascha Rostowa einst auf einem Ball.

Und jetzt kann man in diesem Haus, in in diesem Saal die Hetzrufe nach einem Pogrom hören. Im vergangenen Januar stürmten Eindringlinge in eine Versammlung von Schriftstellern. "Jidden!" riefen sie. "Macht, daß ihr nach eurem Israel kommt!" Und: "Das Pogrom beginnt in wenigen Monaten." Die Faschisten schrieen das so heraus, ohne Angst vor irgendwelchen Gesetzen, Gerichten oder sonstigen Konsequenzen. "Wer nicht ausreisen kann, wird umgebracht!"

Man kann sich nicht vorstellen, was in Moskau los ist – Panik, Terror, Angst. Nur ein Thema bestimmt die Gespräche: Wie und wohin ausreisen, wo sich verstecken, wenn sie kommen, um uns zu töten.

Viele Juden sind bereits bei russischen Freunden und Bekannten untergeschlüpft. Aber wird sie das retten? Viele sitzen auf gepackten Koffern und warten auf ein Visum, auf Flugtickets, auf Einladungen aus dem Ausland. Meine Schwiegermutter hat bereits beantragt, nach Israel auszureisen. Aber die Behörden sagen, da muß man sechs Monate warten – eine Ewigkeit!

Auf dem Lande herrschen Hunger und Zerstörung. Vor kurzem wurden die Schulklassen für einen ganzen Tag geschlossen, damit die Lehrer Suppe, Schuhe, Nahrungsmittel auf Bezugschein einkaufen konnten. Zwar haben wir nie viel Obst und Gemüse gehabt, aber in diesem Jahr gibt es nichts mehr davon.