San Francisco, im Juni

Vor zwei Jahren in Wladiwostok hatte Gorbatschow es schon angekündigt, und später in Krasnojarsk hatte er es bekräftigt: Die Sowjetunion will im pazifischen Raum eine größere Rolle spielen. Sie will auch, was er seinerzeit so deutlich nicht gesagt hat, die Wirtschaftskraft dieses Raumes mit seinem Kapital und seinen billigen Konsumgütern für sich mobilisieren. Am Montag in San Francisco hat der sowjetische Präsident einen entscheidenden Schritt in diese Richtung getan. Er schickt sich an, die letzte Bastion des Kalten Krieges zu schleifen. Gorbatschow bedroht Nordkorea mit einer politischen Isolierung, falls es nicht auch bald auf Perestrojka umschaltet. Und er unterstrich die Drohung, indem er sich mit dem südkoreanischen Präsidenten Roh Tae Woo traf.

Als Schauplatz für die historische Wende hatte der Kreml-Chef San Francisco gewählt. Die Limousinen standen abfahrbereit vor dem Haus des sowjetischen Generalkonsuls im besten Broadway-Viertel mit seinem Ausblick auf die vielbesungene Bucht. Die beiden Gorbatschows waren reisefertig für den Heimflug. In einem letzten Gespräch mit Journalisten nahmen sie Abschied von der Stadt, die sie im Laufe eines einzigen, aber ungewöhnlich schönen Frühsommertages begeistert hatte. "Werden Sie diplomatische Beziehungen zu Südkorea aufnehmen?" wollte einer der Reporter wissen. Gorbatschow antwortete mit philosophischem Unterton: "Laßt doch die Früchte reif werden." Der südkoreanische Präsident ließ es bei solchen Sprüchen nicht bewenden. Er präzisierte kurz darauf in einer Pressekonferenz: Die Normalisierung der Beziehungen habe eigentlich schon begonnen, und sie werde zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Südkorea und der Sowjetunion führen. Ein Datum nannte Roh nicht. Aber auch ohne feste Termine setzt der Ackord zwischen den ursprünglich so heftig verfeindeten und erst seit den Olympischen Spielen 1988 in Seoul freundlicher miteinander umgehenden Ländern einen dramatischen Schlußpunkt hinter die Amerikareise Gorbatschows.

Über eine Stunde hatte er im "Fairmont-Hotel" mit Roh Tae Woo konferiert. Die Regierung Bush hatte die Begegnung gefördert und war bei der Organisation behilflich gewesen. Auch sie würde eine Entspannung auf der koreanischen Halbinsel sehr begrüßen, und sei es nur darum, daß sie ihre 40 000 Mann zählenden Truppen in Südkorea reduzieren und Geld einsparen könnte. Freilich läge für Washington der Hauptakzent auf dem strategischen Gebiet.

Gorbatschow geht es allerdings auch um die Wirtschaft. Er erwartet von den Südkoreanern offenbar kräftige Investitionen. Damit gibt er gleichzeitig Japan, Taiwan, Singapur und anderen pazifischen Anliegern zu verstehen, daß der sowjetische Markt in der Zukunft für viele interessant sein werde. Selbst dem größten Pazifikanrainer, den Amerikanern, dieses Mal aber besonders den Spitzenunternehmern der amerikanischen Westküste empfahl er mit ungenierter Offenheit, den Zug nicht zu verpassen. Wer jetzt abseits steht, der werde auch später im Abseits bleiben.

Einen Tag zuvor hatte sich in Minneapolis ebenfalls eine stattliche Kapitalistenrunde zur Tafel mit dem sowjetischen Präsidenten versammelt. Die Teilnehmerliste des Treffens, das der Gouverneur von Minnesota organisiert hatte, las sich wie ein Who’s Who der amerikanischen Banken, der Agrarriesen und Computerfirmen – alles Unternehmen, die wissen, daß im Sowjetgeschäft nur der bestehen kann, der einen langen Atem hat. Daß Gorbatschow zu dem landeskundlichen Teil seiner Amerikareise außer San Francisco auch Minneapolis-St.Paul wählte, hatte mit alten und bewährten Wirtschaftsbeziehungen zu tun: Die Firma Targill-Getreide arbeitet schon über dreißig Jahre mit sowjetischen Geschäftspartnern; Control-Data-Electronic über zwanzig Jahre. Und Targill-Präsident Mac Millan, soeben wieder aus Moskau zurückgekehrt, verkündete, daß es weder um die Erholungschancen der sowjetischen Wirtschaft noch um ihre Zahlungsfähigkeit so düster bestellt sei, wie es gegenwärtig behauptet wird. IBM gab in Minneapolis die Entscheidung bekannt, in Moskau ein Geschäft für den Verkauf von Heimcomputern zu eröffnen.

Ob in Minnesota oder in Kalifornien, Gorbatschow verfolgte überall die gleichen Ziele: zum einen Verständnis zu wecken für seine Lage und die der Sowjetunion, die er nicht beschönigte, zum anderen die Vereinigten Staaten – ohne das allzu deutlich auszusprechen – zum wichtigsten Partner der Sowjetunion zu machen. Nicht im Praktischen liege vorläufig der Wert des von Präsident Bush in Aussicht gestellten Handelsabkommens, sagte er, sondern in seiner politisch-symbolischen Rolle.

Sieht man vom lauten Protest der Balten, der Afghanen oder der Armenier ab, die überall die Wege säumten, sind die Amerikaner heute von Gorbatschow begeisterter und überzeugter denn je. "Charisma", "geschichtliche Größe", solche Stichworte hörte man an der Universität Standford. "Wir brauchen Sie", sagte in seiner unübertrefflich spröden Herzlichkeit der frühere Außenminister George Shultz, als er Gorbatschow unter tosendem Jubel der Studenten ein sowjetisches Plakat vom Jahre 1921 aus dem Archiv des Hoover-Instituts zum Abschied überreichte. Gorbatschow wischte verschämt eine Träne weg. In der Star Tribune von Minneapolis beschrieb der Leitartikler zum Aufenthalt Gorbatschows das amerikanische Lebensgefühl nach dem Kalten Krieg: Es sei ihm, "als ob man den ganzen Tag in zu engen Schuhen gearbeitet hat; jetzt kann man sie ausziehen und die Zehen frei bewegen". Ulrich Schiller