Also, eindrucksvoll war das wirklich nicht, eher ein Bild des Jammers, wie unsere stämmigen Nationalkicker im Gelsenkirchener Parkstadion vor sich hinmümmelten, als das Deutschlandlied erklang. Wenigstens jetzt, da das Vaterland wieder groß und mächtig wird, würden sie unsere Hymne endlich mit lauter Stimme und hellem Auge schmettern, hatten wir gedacht. Nichts davon. Finster blickten sie und mühten sich wenig. Ob die den Text überhaupt kennen?

Voller Gram dürfte diese Frage auch Volker Rühe durch den Kopf gegangen sein, sollte er am vergangenen Mittwoch vor dem Fernseher gesessen haben. Denn der CDU-Generalsekretär hat neulich beim Frühstück mit Auslandskorrespondenten bittere Klage geführt, den Westdeutschen mangele es an Patriotismus. Ein bißchen mehr Stolz dürfe schon sein, hat Rühe gesagt, nun da Deutschland den historischen Weg zur Einheit gehe. Irgendwie hat der Mann ja recht: Wo blieben die Kundgebungen vor dem Reichstag, wo die Fackelzüge vor dem Kanzleramt? Am Anfang haben hier und da noch Posaunenchöre die Landsleute aus dem Osten empfangen. Aber dann machten sich die Zonis bei uns breit, parkten ihre Trabis immer zielstrebig mitten auf dem Bürgersteig. Wir fanden das ziemlich unpassend und haben keine Schokoladentafeln mehr hinter die Scheibenwischer geklemmt.

Deutschland wird wieder groß, wird zum Hauptthema beim Gipfel in Washington, und wir Westdeutschen tun so, als ginge das Leben einfach weiter. Allenfalls die Alten freuen sich: Ein Traum wird wahr! Sie haben noch Kindheitserinnerungen an die Ferien auf Rügen und im Harz. Jetzt gehören uns Rügen und der Brocken wieder, aber die Kids gähnen nur. Die zwanzigjährige Friseuse jedenfalls reist in die Dominikanische Republik: "Mein Freund surft, und ich laufe Wasserski." Vor Rügen wird sie wohl nie Wasserski laufen. Den Wohlstand in Würde teilen: Dieser Appell an die Großherzigkeit widerspricht aller Lebenserfahrung. Viele Wessis haben ihr Trekking in Nepal und den Tauchkurs auf den Malediven doch deshalb doppelt genossen, weil die Ossis vor Usedom baden mußten. Und fanden dabei auch die These von Rühes Partei bestätigt, der Sozialismus verteile nur die Armut, Leistung aber lohne sich. Im übrigen war den meisten die DDR, das langweiligste Land der Welt, herzlich gleichgültig.

Vierzig Jahre lang hat man uns zu Egoisten erzogen und will jetzt auf einmal die Teilung durch Teilen beseitigen. So, sagt sich der clevere Oskar Lafontaine, läßt sich in Westdeutschland nun wirklich keine Wahl gewinnen. Schnell ein wenig Angst gemacht und ein bißchen Neid geschürt, und schon sind die Stimmen der Wirtschaftswunderkinder beisammen. Ärgern sollte sich darüber nicht, wer zuvor den Eindruck vermittelt hat, die Einheit lasse sich gleichsam aus der Portokasse finanzieren. Kleine Lügen bestraft der Wähler sofort.

Nun hat unsere mit Weitläufigkeit getarnte Knickrigkeit ja unbestreitbar auch ihr Gutes: Sie kann den Nachbarn die Furcht vor neuer deutscher Großmannssucht nehmen. Vielleicht finden sie es etwas befremdlich, daß die Westdeutschen ihre Hände eher schützend auf die Brieftasche als aufs patriotisch pochende Herz legen. Aber sie werden auch erkennen, daß den saturierten Wohlstandsbürgern hierzulande wirklich nicht der Sinn nach einem Vierten Reich mit Fanfarenklang und Paradeschritt steht.

Als am 9. November die Mauer fiel, erhoben sich im Bonner Parlament die Abgeordneten und sangen die Nationalhymne. Das Volk draußen aber sang nicht mit. Vor dem Schöneberger Rathaus erntete der Gesang des Kanzlers gar Pfiffe. Würdelos?

Eigentlich ganz beruhigend.

Matthias Naß