Mein Verhältnis zum Kasten ist weder eines der Liebe noch der Gleichgültigkeit, ist weder tief geprägt noch entstellt durch Sehnsucht oder Keuschheit, Mißtrauen oder Neugier, Gewohnheit oder Emphase, Intimität oder Distanz. Obwohl es doch – und das verwirrt auch mich – durchaus nicht frei ist von allen diesen Haltungen. Kurz: Dieses Verhältnis ist eines der vollkommenen Schlamperei, unordentlich, launisch, fast unbeschreiblich unentschlossen und unklar.

Zum Beispiel ruht auf meinem Apparat seit Jahren ein Videorecorder, scheu, vorwurfsvoll, da sehr arbeitslos. Ich denke gar nicht daran, sogenannte unentbehrliche oder wertvolle Sendungen abzuspeichern. Was mir wegen Abwesenheit vor dem Schirm entgeht, ist auf immer verloren, ohne Verlustschmerz. Nie habe ich eine Programmzeitschrift aufmerksam durchgeblättert oder gar durchgearbeitet, um meinen Wochenkonsum im voraus zu planen. Selbst das Angebot für den Abend, das ich in der Morgenzeitung manchmal überfliege, habe ich spätestens bis zum Abend wieder vergessen.

Zur Tagesschau allerdings erleuchte ich mir die Scheibe – endlich eine Insel der Sturheit in dieser Schlamperei. Und wenn ich Tagesschau sage, so meine ich das wortwörtlich: An diesem Angebot des Ersten hänge ich von 20 Uhr bis 20 Uhr 15 streng, zwanghaft, süchtig. Gut ein Dutzend andere Nachrichten-Menüs könnte ich empfangen – keines schmeckt. Nur das Licht, nur die Tischplatte, das Hintergrundbild, die Krawatten und Dauerwellen im Ersten stiften Vertrauen. Doch dann, ab 20 Uhr 16 – vorausgesetzt, die Kraft und Lust zu einer anderen Beschäftigung fehlen da beginnt ein Herumschalten und Herumrühren im Programmangebot, ein Antesten hier, ein Steckenbleiben dort, dann Weiterschalten. So wie jemand, den Illustrierte oder Magazine nicht sonderlich interessieren, sie doch durchblättert.

Natürlich rede ich mir in meiner stillschweigenden, nie formulierten Fernsehtheorie ein, daß genau dieser Gebrauch des Mediums, hellwach und etwas schläfrig, der ihm einzig angemessene wäre. Von der kulturkritischen Allüre allerdings, die den Apparat nur als Schlafmittel, als Nullmedium beschreibt, verstehe ich bloß die Allüre. Mein eigener, mindestens halbalerter Zustand beim Zuschauen widerspricht dieser Denunziation genauso wie der Gesichtsausdruck meiner Mit-Zuschauer. Selbst meine liebe Frau, die neuerdings dem Spatabendprogramm, tief über Stickarbeiten gebeugt, folgt, bestätigt damit einerseits, daß die Bilderfluten, die sie sich phasenweise entgehen läßt, so suggestiv nicht sein können, beeindruckt mich aber andererseits, wenn sie den Blick ab und zu erhebt zur Scheibe, durch den ernsten, prüfenden, eben den testenden Ausdruck ihrer Augen.

Entgegen allen Legenden hält uns das Medium eben doch kühl und auf Distanz. Jedenfalls uns, die nicht schon als Dreijährige initiiert worden sind. Was im Kino nur Profis geläufig ist, eine begutachtende Haltung zu den Bildern, das gelingt vor dem Fernsehschirm jedem. Wer hätte sich da je, Hand aufs Herz, hingerissen, atemlos, ergriffen erlebt? Außer live beim Tie-Break? Auch wenn große, alte, bewegende Filme im Angebot laufen, kommen sie mir immer vor wie vakuumverpackt, in Klarsichtplastik. Oder doch wie Ausstellungsstücke in einer Museumsvitrine. Cool, prüfend eben, und begutachtend trifft sie mein Blick. Schon deshalb ziehe ich diesen Sonderofferten und Luxuspackungen die handfeste TV-Alltagsware vor.

Zum Beispiel Dallas. Eigentlich ein Gesellschaftsspiel mit festen Regeln, Figuren, Feldern, und insgeheim darf jeder auch mitwürfeln. Hat man sich erst einmal eingelassen auf diese Mischung aus beruhigend viel Monotonie und etwas Kitzel, aus Mitknobeln und Sichbeliefernlassen, dann kann die Stimmung am Dienstag um 21 Uhr 45, falls die Dallas-Maschine auf Monate nicht schnurrt, fatal flau werden. Ja, das sind nun doch Entzugserscheinungen. Andere empfinden sie, wenn ihnen Samstagabend die Sportschau entgeht, der ich seit gut einem Jahrzehnt entwöhnt bin. Die Bundesliga hat nachgelassen, bilde ich mir ein, die maulfaulen Sprechgeräusche der Spitzensportler in ihren Interviews sind unerträglich geworden. Lauter Ausreden: Nachgelassen habe nur ich.

Doch diese fernseheigene, die telegene Mischung aus Wiederkehr des Immergleichen und dem erwarteten Mutationssprung ins Unerwartete, sie zieht sich durchs ganze Programm. Die Ratespiele, die Serien, die Tennisturniere, die Politikerrunden, alles lebt davon. Plötzlich fällt die einschläfernd unfehlbare Vorhand von Steffi Graf eben doch aus, erst fast, dann ganz. Um sich wunderbarerweise wieder zu erholen. So daß ich ein Wiedersehen erlebe mit den knappen, energischen, erledigenden Schritten, mit dem stolz und scheu niedergeschlagenen Blick, mit denen unsere Klassenerste und Vaters Beste an der Grundlinie zwischen den Schlägen Stellung bezieht. Das Universum des Gewohnten und tief Befriedigenden, das sich im Fernsehen laufend herstellt und doch ab und zu stört, es hat sich wieder geschlossen. Auf die Sprünge aus diesem Bannkreis, auf die Regelverletzungen und Abweichungen warten wir alle, mit schläfriger, lauernder Aufmerksamkeit.