Von Uwe Prieser

Als Monica Seles acht Jahre alt war, hatte sie auf einmal gar keine Lust mehr zum Tennisspielen. Bis dahin hatte sie ein Viertel ihres Lebens auf Tennisplätzen zugebracht. Ihr Vater Karoly Seles war jugoslawischer Meister im Dreisprung gewesen. Er arbeitete als Karikaturist für Zeitungen. Um seine Tochter ein neues Vergnügen daran finden zu lassen, jeden Tag stundenlang Tennisbälle zu schlagen, zeichnete er ihr Comicfiguren auf die kleinen Filzbälle. Tom und Jerry mochte Monica am liebsten. Eine der Folgen dieser Maßnahme war, daß Karoly Seles einige Jahre später das Zeichnen von Karikaturen für Zeitungen aufgab und Manager seiner Tochter wurde. Das war in dem Jahr, in dem Monica fünfzehn wurde. Es war ihr erstes Jahr auf dem Tennis-Circuit. Am Ende des Jahres hatte sie genau 14 700 Dollar an Preisgeldern verdient.

Ihr Vater, ihre Mutter Esther und ihr Bruder Zoltan waren inzwischen längst alle vom jugoslawischen Novi Sad nach Florida gezogen. In Novi Sad ist Monica am 2. Dezember 1973 geboren, aber eigentlich stammen die Seles aus Ungarn. Als sie, vierzehnjährig, an ihrem ersten Grand-Prix-Turnier teilnahm, hatte sie schon drei Jahre an der berühmten „Tennis Academy“ von Nick Bolletieri in Bradenton, Florida, hinter sich. Ihr Englisch hatte den Akzent einer Südstaaten-Amerikanerin angenommen.

An der Tennis-Academy trainierten so große Hoffnungen wie André Agassi und Brad Gilbert; viele, die irgendwann einmal die Nummer eins in der Welt sein wollten, aber Nick Bolletieri sagte, Monica habe von allen die größten Chancen. In Miami hatte sie als Elfjährige die „Orange Bowl“ gewonnen, die Weltmeisterschaft für Zwölfjährige. In ihrem Heimatland Jugoslawien wurde sie daraufhin zur Sportlerin des Jahres gewählt.

Im vergangenen Jahr erschien sie in Paris zu ihrem ersten Grand-Slam-Turnier und warf vor ihrem Auftritt gegen die an Nummer vier gesetzte Amerikanerin Zina Garrison Blumen ins Publikum. Sie überrumpelte ihre Gegnerin vollends, als sie auch ihr vor dem Match einen Blumenstrauß in die Hand drücken wollte. Zina Garrison wehrte empört ab, verlor das Match, und das Publikum fand, daß Recht geschehen sei. Es sprach sich schnell herum, daß Monica Seles von klein auf Blumen liebte.

Die krause Nase machte sie schon als Baby, wenn sie lachte oder wenn sie schrie. Zwischen beidem war, was die Lautstärke betraf, kein besonderer Unterschied. Das Publikum fand ihre – je nach Situation – vor Wonne oder vor Erbitterung gekrauste Nase allerliebst. Es war reizend, daß ihre Schweißbänder an den Handgelenken immer auf die Farbe ihres Haarbandes abgestimmt waren, mit dem sie ihr langes, drahtiges, rötlichbraunes Haar zu einem kecken, aufwärts gerichteten Pferdeschwanz band. In der Regel kam dieselbe Farbe auch in ihrem Tenniskleid vor. Meistens war es pink, so wie sie auch ihre Fingernägel lackierte.

Ihre Tenniskleider waren plissiert, und durch den enormen Schwung ihrer mit beiden Händen geschlagenen Vorhand und Rückhand wehte der Saum ein ums andere Mal wie ein weißer Kranz um ihre spindeldürren Beine. Wenn sie den Aufschlag ihrer Gegnerin erwartete, nahm ihr Gesicht mitunter kurzzeitig den Ausdruck eines bösen Fisches an.