Die Anrufe mit dem gewissen Rauschen Das Autotelephon ermöglicht eine ganz neue Art der Kommunikation

Gut fand ich sie schon, die Freunde, die kurz vor der Essenseinladung noch mal durchriefen "Du, wir fahren gerade an dieser Tankstelle vorbei, geht es dann rechts ab zu deinem Dorf?" Manche lassen sich bis zur Haustur lotsen "Also, ich leg’ jetzt auf", sagen sie lassig, und die Reifen auf dem Kiesweg knirschen schon

Dankbar war ich bisher auch den Pressereferenten, die ihre Chefs sogar noch auf der Straße ver planen "Morgen fahrt er um zehn von Frankfurt nach Stuttgart, da haben Sie ihn ganz für sich " Tatsächlich werden selbst die zugeknöpftesten Vorstande auf der Autobahn richtig plauderig Machen es die vorbeischnellenden Leitplanken, daß sie so in Fahrt geraten Oder ist es das befriedigende Gefühl, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun? Die Illusion, jederzeit alles unter Kontrolle zu halten’ "Der Ton kann jetzt schlechter werden", warnen sie weitsichtig "Gleich durchfahren wir einen Tunnel"

Einmal war es mir vergonnt, im Auto eines Wirtschaftsfuhrers mitzufahren, zum Auftakt des "Ring" in Bayreuth Kurz vor der Auffahrt zum Festspielhaus plötzlich ein sonores Summen "Wie bitte’ Der Vertrag noch nicht unter Dach’" Das Telephon’ Vor uns leuchtete bereits das Festspielhaus "Also, bei diesen Konditionen gehen wir ’raus’" Schweres Seufzen unterm fein gefältelten Smokinghemd "Da sind gerade siebzig Millionen Dollar in den Bach " Besser vorbereitet fühlte ich mich auf "Rheingold" noch nie

Aber wo soll das hinfuhren’ Die Metropolitan Opera in New York mußte das Mitfuhren von Telephonen während der Aufführung bereits un terbinden In Hongkong kriegt man keinen anständigen Mann mehr an den Tisch – ohne Mobiltelephon neben dem Teller Man konnte ja argwohnen, er sei nicht bedeutend Die schone Kunst des Delegierens scheint im Zeitalter der Kommunikation von der Sucht nach Information überlagert Im Auto telephoniert ja inzwischen Gott und die Welt Und natürlich, wenn die Polizei nicht hinguckt, in voller Fahrt Neue Formen der Demütigung setzen sich durch Man zeigt dem drängelnden Depp da hinten nicht den Vogel Das wäre proletig Man legt einfach den Telephonhorer ans Ohr Deutlicher kann man Nichtachtung nicht ausdrucken

Selbst der gemeine Mittelmanager muß nicht mehr bei Nacht und Nebel in Telephonzellen nach Groschen kramen, um der heimlich Geliebten Gutenacht zu sagen, bequem greift er jetzt auf der Dienstfahrt zum Hörer "Du Schatz, ich bin grad kurz vor Regensburg" Und auch für Fa milienvater ist so ein Autotelephon ja ein richtiger Segen "Funkgespräch, bitte warten", hört die geduldige Ehefrau jetzt zwei-, dreimal pro Tag, "Funkgespräch, bitte warten", bevor der gestreßte Gatte sich hastig meldet "Du, mit der Verbindung hat das wieder ewig gebraucht, jetzt bin ich schon fast in der Tiefgarage vom Hotel, diese Sitzung, du weißt schon, Kußchen "

Der Mensch ist ein undankbares Wesen Statt sich über die zusätzlichen Streicheleinheiten aus dem Äther zu freuen, entwickelt er neuerdings ein feines Gehör für die Anrufe mit dem gewissen Rauschen "Hallo, wie geht’s’" sagt die Freundin, die so lange kein Lebenszeichen von sich gab "Oh, wo bist du denn’" freut man sich Und sie antwortet "Du, ich steh’ hier vor Salzburg im Stau " Und kommuniziert man selber nicht bereits genauso’ Auf dem Weg ins Theater, vor diesen ewig roten Ampeln, ruft man schnell die Mutter an "Ach, Kind, du bist im Auto, nicht’" sagt sie und klingt irgendwie enttäuscht

Dabei sind wir beileibe nicht technukfeindlich Erst neulich verspürten wir sogar ein richtiges Kribbeln, als es uns gelang, aus einem Hotelzim mer in Los Angeles den Ehemann auf der Fahrt nach Rendsburg zu erwischen, der eine auf der Straße in Schleswig-Holstein, der andere im Bett in L A, wirklich, das war eine ganz tolle Verbindung Naher kann man sich gar nicht kommen Sibylle Zehle