Käte Hamburgers Studie "Ibsens Drama in seiner Zeit"

Im letzten Satz ihrer Studie "Ibsens Drama in seiner Zeit" nennt Käte Hamburger das Werk des "Nora"-Autors "eins der konzentriertesten literarischen Zeugnisse" des 19. Jahrhunderts. Auf den vorausgegangenen 138 Seiten hat sie diese Einschätzung eigenwillig und überzeugend belegt. Stück um Stück hat sie die Schauspiele des Norwegers in Hinblick auf Gedanken interpretiert, die sich auf die beiden modernsten Philosophen jener Zeit beziehen lassen: Kierkegaard und Nietzsche.

Käte Hamburger weiß natürlich und verschweigt nicht, daß Ibsens entscheidende Stücke knapp vor der Entstehung von Nietzsches wichtigsten Büchern herauskamen. Auch kennt sie des Dramatikers unwirsche Zurückweisung aller Vermutungen, die von einem wesentlichen Einfluß Kierkegaards wissen wollten. Doch sie zitiert ebenfalls eine norwegische Stimme zu ihrem Autor, die bekundete, daß es "überhaupt" der Geist Kierkegaards gewesen sei, "der um diese Zeit hier in Norwegen über den Wassern schwebte". Was nun Nietzsche angeht, so behilft sich die ideengeschichtlich überzeugend ausgewiesene Literaturwissenschaftlerin ("Von Sophokles zu Sartre") mit der Bezeichnung "nietzschezeitlich", was hier für das zeitgleiche Problematisch-Werden von Moral und Leben ausreichen mag.

Die Interpretation bewährt sich im schauspielführerhaften Durchgang durch die Stücke. Mehr noch: sie kann auch mit einer bemerkenswerten Pointe aufwarten. Ibsens frühes Drama über eine Version des Nibelungenstoffs – "Helden auf Helgeland" (1857) – teilt nicht nur mit Hebbel und Richard Wagner ein signifikantes zeitgemäßes Interesse für den Stoff und seine Ausdeutbarkeit. Es sind die darin enthaltenen Personen und Konstellationen, nach denen der Autor viel später die dramatischen Konflikte in seinen Gesellschaftsstücken organisiert: auch und besonders in "Hedda Gabler". Jürgen Busche