Von William Pfaff

PARIS. – Die Frage, die sich im Zusammenhang mit den jüngsten antisemitischen Ausschreitungen in Frankreich stellt, lautet: Warum ausgerechnet hier?

Natürlich gibt es in Frankreich Rassismus. Die an der äußersten Rechten angesiedelte Nationale Front erfreut sich zur Zeit eines Wählerpotentials von zehn bis zwanzig Prozent, je nach Region. Ihre Erfolge stehen in einem direktem Zusammenhang mit der verbreiteten Sorge über die Zahl der Einwanderer.

Aber diese Einwanderer sind nicht jüdischer Herkunft. Hauptzielscheibe des Fremdenhasses sind Algerier und andere Nordafrikaner. Oft sind sie arm, sehen ganz und gar unfranzösisch aus und wohnen isoliert in Ghettos. Außerdem führten Algerier und Franzosen einst einen grausamen Krieg gegeneinander, der unvergessen ist. Hinzu kommt, daß der Islam heute vielerorts mit Terrorismus, Intoleranz und Rückständigkeit in Verbindung gebracht wird. Die Einwanderer werden als Konkurrenten um Arbeitsplätze empfunden. All das verschafft der Nationalen Front ihren Einfluß.

Aber warum Antisemitismus? Man könnte doch meinen, daß Leute, die gegen Araber sind, konsequenterweise für Juden sein müßten. Aber Jean-Marie Le Pen, der Chef der Nationalen Front, streut immer wieder ohne jeden Anlaß antisemitische Bemerkungen in seine Reden ein; er attackiert einzelne Juden, spielt auf das Stereotyp jüdischer Medienmacht an und ergeht sich – im Verbund mit einigen revisionistischen Historikern – in Andeutungen über eine angebliche jüdische Mittäterschaft bei den Todeslagern der Nazis – ein "Detail" der Kriegsgeschichte, wie er es nannte. Le Pen tut dies, obwohl er damit die meisten Politiker des rechten Lagers veranlaßt hat, jedes Zusammengehen mit seiner Partei strikt abzulehnen.

Weniger als ein Prozent der französischen Bevölkerung sind Juden. Entgegen einer verbreiteten Annahme gibt es in Frankreich keine starke antisemitische Tradition. Der Antisemitismus war eine späte Erscheinung des 19. Jahrhunderts. Der Fall Dreyfus hatte seine Wurzeln im Antisemitismus des französischen Generalstabs, aber er wurde nur deshalb zur "Affäre", weil er in die entscheidenden politischen und sozialen Debatten jener Zeit hineingezogen wurde: den Streit zwischen Antirepublikanern, Gegnern und Anhängern der Kirche, zwischen Klerus und weltlichem Liberalismus. Frankreich hat während dieser Zeit mehr russischen und osteuropäischen Juden Zuflucht gewährt als jedes andere Land, die Vereinigten Staaten ausgenommen.

Geschichtlich war der französische Antisemitismus mit der reaktionären, antirepublikanischen Rechten und der katholischen Kirche verknüpft. Aber diese Rechte ist heute ein politisches Fossil, und die Kirche hat sich – unter dem Einfluß der Linken, nicht der Rechten – gewandelt. Die sozialen und politischen Überzeugungen, die während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Anti-Dreyfus-Bewegung, im Protofaschismus und im Petainismus ihren Ausdruck fanden, gibt es nicht mehr.