ARD, Sonntag, 10. Juni, 22.20 Uhr: ,,Ich bin Elsa", Film von Richard Blank

Leben Sie gern hier in Deutschland?" – "Ich reise." – Solch schlüssige Antworten erhält Elsa auf ihrer Reise durch Deutschland. Sie hat kein bestimmtes Ziel, sie ist mit niemandem verabredet. Sie hat beschlossen, sich wildfremden Menschen als entfernte Verwandte an den Hals zu werfen, auf die Gefahr hin, daß sie ausgeworfen wird. Das kann nun auch nicht schlimmer sein, als ihren Lebensabend im Reihenhaus bei den Kindern auszuwarten, bei kinderlosen Kindern, die wir auf den ersten Blick als die eigentlich ältere der beiden Generationen wahrnehmen, die da unter einem Dach wohnen.

Draußen quärrt der Rasenmäher, Elsa (Marianne Hoppe) sitzt auf einem restaurierten Stilmöbel und fragt zur Küche hin, ob man nach ihr gerufen habe. Nein, man hat nicht. Die Szene mag sich hundertmal wiederholt haben; heute löst sie etwas aus. Elsa nimmt Hut und Koffer. Die Kinder halten beim Aufwasch inne. Eine Barbie-Puppe, die sprechen kann, sagt: "Auf Wiedersehen, Oma." Drunten auf der Straße schreitet die Oma aus mit langen Schritten, und das stillgestandene Leben klebt ihr wie Pech an den Schuhen. Wohinaus denn, wohimus? Elsa will zu den Eisbären nach Alaska – natürlich. Und sie wird natürlich nie dort ankommen. Es ist ein Aufbrach wie im Alptraum, lächerlich und müd geworden schon an der nächsten Straßenecke.

Alles ist eingeschlafen hier – die Autos, die sie vierspurig umspülen, die Leute, die wie hohes Schilf um sie herumwogen, der Penner, dem sie ihre letzte Habe aufschwatzt. Nichts ist hier draußen anders, als es drinnen war, nichts zum Aufatmen und nichts, das Neugier weckte. Elsa muß – und wir sehen es, wenn sie sich gegen den Straßenfluß und sein verschilftes Ufer linkisch in Gang setzt – aus purer Willkür handeln, aus purer Eigensinnigkeit, sie muß verrückt sein, um aufzubrechen dahinein, wo nichts mehr aufzubrechen ist.

Ihr Unterfangen ist grotesk, sie will die Verwandte sein, die zu Besuch kommt, die freundlich aufgenommen, bewirtet und angehört wird – im Land mit der hohen Gartenzaunkultur. Daß sie als Fremde unter Fremden fremd ist, hat ihr Leben sie gelehrt. Nun hat sie noch zu lernen, daß sie auch als Verwandte den Verwandten nicht verwandter ist.

Mit einer raffinierten Gesprachstaktik schafft sie es bei dem und jenem gutgestellten Ehepaar, die gute Tante Elsa glaubhaft zu machen. Da sitzt man am Kamin beim Herrn Direktor, das Essen war vorzüglich, der Wein erlesen, man plaudert über eine gemeinsame Vergangenheit, die es nicht gibt. Und eben weil man so dahinplaudern kann, ohne zu merken, daß ein mittelgroßes Nichts im Räume steht, wird Elsa kalt "Komm, rück doch näher zum Kamin, trink noch ein Glas", so gut ist man zu ihr. Nun ist sie endlich angekommen, sie hat – und gibt es uns zu erkennen mit diesem eisblumenbizarren Lächeln – ihr Reiseziel erreicht: Alaska. Martin Ahrends