Von Theo Sommer

Seit einem halben Jahr ist aus dem Kreml zur Deutschlandpolitik nur Widersprüchliches, Schwammiges und Halbgares zu hören. Neutralität des Vereinigten Deutschland, Doppelmitgliedschaft in Nato und Warschauer Pakt zugleich, sonstige Denkbarkeiten, darunter so weit hergeholte wie die eines Beitritts der Sowjetunion zum Nordatlantikpakt – die Kremlführung lehnt weiterhin die Nato-Zugehörigkeit ganz Deutschlands ab, will oder kann sich aber auf ein anderes Arrangement noch nicht festlegen. Auch in Washington hat Michail Gorbatschow keine Klarheit geschaffen.

Den Deutschen, sagt der sowjetische Präsident, will er keine Steine auf ihren Weg zur Einheit rollen. Sie selber sollten, da stimmte er dem amerikanischen Präsidenten zu, über ihr Geschick bestimmen. Ganz frei allerdings wohl nicht: Der Einbindung des künftigen Deutschland in die Nato widersetzt sich Gorbatschow. Er möchte, daß es in beiden Pakten "Anker wirft", wie er dem früheren Marineoffizier Bush in einer seemännischen Metapher nahezubringen suchte. Nur recht vage schlug er am Ende, nachdem Bush ihm einen Neun-Punkte-Plan zur Entschärfung der deutschen Frage unterbreitet hatte, eine politische Abmachung zwischen den beiden Bündnissen vor, die den Sowjets ihre Ängste vor Deutschlands Einheit nehmen soll.

"Verworren und verwickelt" fanden Gorbatschows amerikanische Gesprächspartner dessen Darlegungen zum Punkte Deutschland. Aber kann dies wirklich wundernehmen? In der deutschen Frage kristallisieren sich für die Sowjets alle Ängste der Vergangenheit und alle Sorgen um die Zukunft.

Nicht von ungefähr beschwor der Kremlchef die Erinnerung an die 27 Millionen Toten, die sein Land im Zweiten Weltkrieg zu beklagen hatte. Wer je auf dem Piskarewskoje-Friedhof stand, auf dem eine halbe Million Leningrader in Massengräbern beigesetzt sind, wird solche Erinnerung nicht bloß als Agitprop-Produkt abtun. Gorbatschow meint es ernst, wenn er vom moralischen Recht der Sowjets spricht, alles zu tun, damit die teuer erkaufte Sicherheit ihres Landes nicht neuen Gefährdungen weicht.

Da mögen wir Deutschen noch so aufrichtig beteuern, daß wir uns gewandelt und geläutert hätten – die Sowjets gehen lieber auf Nummer Sicher. Den Verlust des im Kalten Krieg gewonnenen osteuropäischen Geländes können die Kremlherren zur Not verschmerzen; den ostdeutschen Sperr-Riegel jedoch werden sie nicht aus der Hand lassen, ehe ihnen andere Sicherheiten die Furcht nehmen. Gorbatschow droht unverhohlen damit, daß er die Wiener Abrüstungsverhandlungen zum Stillstand bringen wird, falls der Westen ihn zu überfahren versuche.

Daneben geht es auch um die künftige Rolle des russischen Reiches. Empfindungen und Empfindlichkeiten wiegen da ebenso schwer wie Fakten. Gewichtsverlust darf nicht zu Gesichtsverlust führen, Rang und Prestige einer Großmacht wollen gewahrt sein. Dies erklärt, warum Gorbatschow Mal um Mal vor einem "Diktat" oder vor "Demütigung" warnt. Die Stabilität der Alten Welt, so lautet seine Botschaft, bedarf der aktiven Mitwirkung der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Seit Peter dem Großen war Rußland eine europäische Großmacht. Es wird sich aus dieser Rolle trotz aller gegenwärtigen Widrigkeiten nicht herausdrängen lassen. Und den Anspruch auf Ebenbürtigkeit, auf Parität mit den Vereinigten Staaten in Europa, hält es aufrecht.