Einst gehörte es der SED – jetzt will das Ostberliner Institut für Unternehmensführung eine moderne Managerschule werden

Von Judith Reicherzer

Wie gründe ich ein Unternehmen? Dreihundert Briefe mit dieser Frage liegen auf dem Schreibtisch von Helmut Richter. Der Direktor des Instituts für Unternehmensführung in Ost-Berlin spürt in diesem Frühjahr zum ersten Mal die Nachfragemacht – und reagiert mit einem entsprechenden Angebot.

Kurzentschlossen ernannte er jüngst vier Dozenten zu Experten für Firmengründungen, und schon wenige Tage später liefen die ersten Kurse im Schulungszentrum an. Aus der ganzen DDR kamen Interessenten, vom Kaufmann bis zum Elektromeister. "Früher war es undenkbar, daß ein Handwerker hier geschult wird", sagt Direktor Richter. "Jetzt sind wir uns nicht mehr zu fein dafür." Erst seit Januar trägt das Seminar am Müggelsee im Osten von Berlin seinen neuen Namen. Bis dahin hatte es "Zentralinstitut für sozialistische Wirtschaftsführung beim Zentralkomitee der SED" geheißen und war 25 Jahre lang die erste Adresse in der DDR gewesen, wenn es um die Führung der Kommandowirtschaft ging. Hier wurden höchstrangige SED-Parteimitglieder und Generaldirektoren der großen Kombinate auf den neuesten Stand der planwirtschaftlichen Forschung gebracht. Jetzt sitzen in den Seminarräumen neuernannte Geschäftsführer, Abteilungsleiter oder Buchhalter. "Die wollen nichts mehr von theoretischen Ansätzen hören", sagt eine Dozentin. "Die wollen wissen, was ein leitender Angestellter in der Bundesrepublik verdient, wer mit den Gewerkschaften verhandelt und wie man Steuern spart."

Nur wenige Kursteilnehmer geben zu, daß ihnen die Umstellung auf den Kapitalismus schwerfällt – im Betrieb und auch ganz persönlich. Die meisten sehen sich lieber als erfolgreiche Manager unter den schlechten Bedingungen der Mißwirtschaft, die nun in der Marktwirtschaft erst recht an der Spitze bleiben werden. "Wir haben doch ständig improvisiert, wir sind auf Schwierigkeiten eingestellt", meint der Betriebsdirektor eines Werkzeugkombinats. Fast jeder Dozent am Müggelsee erwähnt in seiner Vorlesung, daß ein Drittel der DDR-Betriebe nach der Währungsunion schnell pleite gehen werde und einem weiteren Drittel langfristig der Konkurs drohe. Trotzdem sind die meisten Zuhörer optimistisch. "Wir heizen die Lokomotive gerade an", verspricht der Direktor des Autobahnbaukombinats, "jetzt brauchen wir nur noch Fahrpläne."

Die Teilnehmer am Kurs "Strategisches Management" hoffen auf Hilfen bei der Umstellung der Unternehmen, wollen vor allem praktische Tips. Doch auch die Dozenten müssen sich mit Theorie und Praxis der Marktwirtschaft erst vertraut machen. Bis zu diesem Jahr war das Institut der ZK-Abteilung von Politbüromitglied Günter Mittag unterstellt gewesen. Über hundert Wissenschaftler entwickelten hier die Rahmenlehrprogramme für andere Institute, schulten die Prominenz und berieten die SED zudem in betriebswirtschaftlichen Fragen. Am Müggelsee saßen die Spezialisten, die die Managementforschung in der UdSSR, aber auch in westlichen Ländern verfolgten und den Kurs in der DDR prägten.

Hinter dem Elektrozaun