Von Benedikt Erenz

Eigentlich will man sich ja noch ein wenig einstimmen, einstimmen, wie der Kunstfreund sagt, will noch ein bißchen auf einem kleinen wackeligen Stuhl an einem kleinen wackeligen Tisch vor einem kleinen wackeligen Koffieshop an der Herengracht in der Sonne balancieren und im Huizinga blättern, in dem schönen Buch des großen Gelehrten über die "Holländische Kultur im siebzehnten Jahrhundert" – bevor man dann nach Haarlem aufbricht, in die Stadt, in welcher der Maler Frans Hals von 1585 bis 1666 sein Leben verbrachte und wo, wie man hörte, eine Ausstellung seiner Bilder zu sehen sei.

Aber plötzlich stößt Wind gegen den Nebentisch, und eine liegengebliebene Zeitung plustert sich raschelnd auf. Das schreckt, und mitten in dem wahren Satz "Man spreche uns nicht von Psychologie" schaut man von Johan Huizingas subtiler Hals-Betrachtung auf, greift, dem Reflex gehorsam, nach dem herrenlosen Blatt und läßt den Blick mal drüberfliegen. Bekannte Köpfe, vertraute Zitate, nichts, was das Weiterlesen reizte – doch dann eine seltsame Statistik auf Seite 11 mit fetten schwarzen Balken: Wovor der Sowjetbürger sich am meisten fürchtet.

Hat man dafür ein paar Minuten? Eigentlich will man sich ja einstimmen – doch das hier muß man wissen! Mehr und noch mehr Fragen stellte das Institut den Sowjetmenschen: Was halten Sie davon, daß jemand in unserem Land offiziell Millionen verdienen könnte? 49 Prozent haben nichts dagegen. Glauben Sie, daß der Marxismus-Leninismus eine Antwort auf alle drängenden Probleme kennt? Nur noch 6 Prozent sind sich da sicher. Aber 24 Prozent stimmen für die Rückkehr zur privaten Landwirtschaft, 16 bis 22 Prozent wollen alle von Geburt an Behinderten ausrotten – und: Sind Sie glücklich?

Ach, eigentlich ... doch man liest weiter, immer weiter auf dem kleinen wackeligen Stuhl an dem kleinen wackeligen Tisch, auf dem jetzt aufgeschlagen Johan Huizingas schönes Buch über die "Holländische Kultur im siebzehnten Jahrhundert" liegt.

Lange flache Glasboote fahren vorbei, unten durch die Herengracht, mit vielen bunten Menschen drin, und der Schatten einer schlafenden Katze auf der Mauer wandert langsam über das Pflaster.

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