Von Joachim Nawrocki

Im Frühjahr ging’s ihm ziemlich schlecht, wegen der Politik, wegen der Jobs, wegen des Publikums, wegen einer früheren Kollegin. Da hat er nach einer Mugge – DDR Deutsch für: "musikalisches Gelegenheitsgeschäft" – in Neubrandenburg die Kollegin und eine Flasche Wein mit auf das Hotelzimmer genommen "und bis früh um vier haben wir Klartext geredet: Was ist los? Schmeißen wir hin? Und da haben die gesagt: Nee, nicht, wenn du die Power hast, das weiter durchzuziehen. Ich will mich auch nicht schaffen lassen. Ich hatte viele Höhen und Tiefen und hab’s immer durchgestanden. Denn ich bin mit Leib und Seele Musiker. Also machen wir weiter."

Der 34jährige Gitarrist Bernd Henning kommt aus der Rockszene der DDR. Seit 1972 spielte er als Amateur, 1978 gab’s die "Profipappe", die Lizenz als Berufsmusiker. Seine Bewerbungen zum Studium wurden dennoch jahrelang abgelehnt, bis er 1980 mit der Gruppe Elefant und der Sängerin Ute Freudenberg einen Tophit landete, den er geschrieben hatte und der bei einem Interpretationswettbewerb die höchste Auszeichnung bekam. Danach konnte er sich problemlos auf der Musikhochschule Franz Liszt in Erfurt immatrikulieren. Aber als in einer Vorlesung über Kulturpolitik die Dozentin meinte, Popmusik müsse erzieherisch einwirken, konnte er den Mund nicht halten: "Sie erzählen hier eine solche Sülze. Haben Sie schon mal auf der Bühne gestanden? Wenn die Leute mit ihren Theorien aufs Podium gehen, haben sie überhaupt keine Chance, die werden runtergezerrt, daß es nur so kracht."

Dieses Studium war nichts für ihn. Bernd Henning war gut im Geschäft, mit Elefant, später mit der von ihm gegründeten Gruppe Part zwo. Jugendclubs, Betriebsfeste, Genossenschaftsfeiern, Regimentsbälle, Revuen – man tourte durch die ganze DDR, kam bis Moskau und Havanna, und – nachdem Part zwo endlich als "Reisekader" zugelassen war – seit Sommer 1989 auch wieder mal in die Bundesrepublik. "Wir haben gut gelebt", sagt Bernd Henning, "besser als normale DDR-Bürger, aber wir haben auch härter gearbeitet. Für uns gab’s immer schon Marktwirtschaft: Wir haben ein gutes Produkt verkauft, also war unser Preis legitim."

Aber nun rüttelt die Wende auch Bernd Henning und seine Musiker. "Es ist mittlerweile schwerer, ’nen Gig aufzureißen, als ein Lied zu schreiben." Die Jugendclubs wurden von der FDJ subventioniert, aber die ist praktisch aufgelöst. Und von 3,10 Mark Eintritt und 78 Pfennigen für ein Bier kann kein Club Berufsmusiker engagieren. Die Betriebe haben kein Geld mehr, die Gewerkschaften sind im Umbruch, die Volksarmee hat Existenzsorgen, die Genossenschaften stecken in der Krise. An Feste denkt zur Zeit keiner mehr – und wenn, dann ist Westmusik angesagt.

"Wir werden jetzt dafür bestraft, daß wir DDR-Bürger sind", meint Henning verdrossen. "Neulich, bei ’nem bunten Abend in der Nähe von Dresden, kam ein Sänger aus dem Westen, der wurde als top act angesagt, sah gut aus, konnte sich bewegen, hatte schicke Klamotten an und lieferte einen schlecht gesungenen Lambadaverschnitt ab. Wir waren wirklich besser, aber der wurde gefeiert, weil er aus der BRD war und wir die Ost-Musiker sind. Wir zählen doch nicht mehr. Für mich war das ein moralischer Tiefschlag. Jetzt tauchen die Leute, die bei euch abgetakelt sind, hier auf und räumen ab."

Und der nächste Hammer: Eine Sängerin, mit der er einmal gearbeitet hatte, erzählte im DDR-Fernsehen, sie sei in den Westen gegangen, weil sie politisch verfolgt wurde. "Die ist aus rein privaten Gründen gegangen, was auch völlig legitim war. Und sie war die einzige Genossin in der Band. Also, das war glatt gelogen. Mir ist ganz schlecht geworden. Denn als sie weg war, durften wir alle Lieder, die ich für sie geschrieben hatte, nicht mehr spielen, die Schallplatten durften nicht mehr verkauft werden. Wir waren wieder bei Null."