Von Helmut Schödel

19. Mai. Eröffnung. Im Foyer der Frankfurter Schirn, dort, wo sich die Treppenaufgänge der Kunsthalle kreuzen und eine steinerne Plattform bilden, stehen unter einem monumentalen Gemälde von A.R. Penck, hergestellt für diese "Experimenta 6", die allein dem Werk Heiner Müllers gewidmet ist, zusammen mit dem Oberbürgermeister und dem Schirn-Direktor Vitali drei Intendanten in ihrer Eigenschaft als Präsidenten: Günther Rühle, Jürgen Flimm und Manfred Wekwerth. Sie vertreten die Akademie der Darstellenden Künste (West und Ost), Veranstalterin dieses siebzehntägigen Marathons. In ihrer Mitte – "Ich war Hamlet zweiter Clown im kommunistischen Frühling" – Heiner Müller, 61, Schriftsteller und Bürger der DDR.

Die Funktionäre der Künste auf dem steinernen Balkon mit ihren vorbereiteten Reden (und unten die Gäste statt mit Fähnchen mit Weingläsern): Das ist der Auftritt eines Politbüros des Theaters – "Da geht ein Käfig, der sucht einen Vogel" – vor dem Entwurf eines Mausoleums für Müller. Nicht sieben, siebzehn Tage soll der Bau dauern. Und Müller, bleich und ein Bruder des Toten, der er sein wird, würde er sagen, schweigt. Vielleicht denkt er an sein Stück "Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei". Dort wird Lessing, der auch "einen Traum vom Theater in Deutschland geträumt" hat, eine Bronzebüste übergestülpt: "Man hört aus der Bronze einen dumpfen Schrei. Applaus von Kellnern Bühnenarbeitern (Theaterbesuchern)."

Aber ob Müller in Frankfurt einen Kopf aus Bronze bekommen wird oder ob man ihm seinen Kopf sogar abreißt, ist zur Zeit noch ungewiß. Wie "viele in der DDR" äußert auch die Frankfurter Rundschau schon am Tag der Eröffnung "Zweifel an der Integrität des Schriftstellers, der von den alten Herren den Staatspreis entgegennahm und sich die Vergünstigung unzähliger Westreisen gewähren ließ." Es klingt fast verbittert, wenn jetzt gefragt wird: Und was hat er in den letzten Jahren geschrieben? Nichts.

Die einen empfangen ihn in Frankfurt wie einen Dichter, die anderen wie einen DDR-Bürger.

Beschlossen wurde diese Heiner-Müller-Schau vor zwei Jahren, als niemand ahnen konnte, daß die Mauer fällt. Müller war damals ein Reisender zwischen den beiden Deutschlands. Wohnsitz im Osten, wo seine Stücke verboten waren, Uraufführungen im Westen. Der Schnittpunkt seiner Arbeiten: Bahnhof Friedrichstraße. Und jetzt?

Manfred Wekwerth, der sich als Müller-Fan erst heute zu erkennen gibt, preist in seiner Rede des Dichters "gnadenlose poetische Anatomie". Wirklich gnadenlos wird es aber erst später, wenn Wekwerth, der Leiter des Berliner Ensembles, des Staatstheaters der DDR, wo bis zuletzt Lehre und Lehrstück die Knüppel schwangen, den Sozialismus zum Irrtum erklärt. Ausgerechnet dieser Mitmacher! Aber da beginnen auf einmal die Glocken zu läuten, so dröhnend, daß der nächste Eröffnungsredner überhaupt nicht mehr zu Wort kommt. Beruhigend zu wissen, daß Don Camillo in der Stadt ist, noch immer damit beschäftigt, den kommunistischen Bürgermeister zum Schweigen zu bringen.