Kirchen haben auf Musiker eine merkwürdige Anziehungskraft. Allerdings darf man vermuten, daß es nicht zuerst der heilige Ort ist, nach dem es sie verlangt, sondern der Raum, sein Hall, sein Klang – und die Orgel, zu der man sich bewegen muß, wenn man mit ihr musizieren will.

Manchmal freilich ist es auch der Organist, den es zu Grenzüberschreitungen verlockt und der wie Claus Bantzer, der einfallsreiche Organist der Hamburger Kirche St. Johannis in Harvestehude, obendrein ein Faible für den Jazz hat, nicht zuletzt für seine originelleren Spielarten. Und so ist auch das "Orang Utan" betitelte Konzert, das jetzt auf einer Schallplatte vorliegt, dort uraufgeführt worden. Ihr Komponist ist der Hamburger Jazzpianist Michael Naura; seine Mitspieler sind sein alter Gefährte Wolfgang Schlüter, ein großer Meister des Vibra- und des Marimbaphons, wenn nicht weithin der beste, und der vorzügliche Claus Bantzer, der hier die Orgel schlägt und auch einen bisweilen hintergründigen Gesang beisteuert.

Michael Naura liebe, wie man zu lesen bekommt, "Blues, Bach, den freien Sound des Jazz, Ethno-Musik und schließlich die Geräusche der Natur, in diesem Falle sind es die Tiere der Regenwälder von Ecuador", welche denn auch in etlichen Stücken ihr Gezwitscher, ihr Geschrei, ihr Geplapper beisteuern – zum Jazz oder, wie Naura es wohl lieber hat, zu seiner improvisierten Musik.

Mit Vogelgeschrei und Gezwitscher fängt auch das Titelstück "Orang Utan" an, eine Art Ortsbestimmung, ehe das Bild in Musik verwandelt wird. Ein abgrundtiefer Orgelton ertönt und liegt fortan unbeweglich da; man hört rhythmisch geordnete Schläge auf klingendes Metall, die eine Melodie anzudeuten scheinen, dann folgt eine Tonflötenpassage. Alles das wechselt miteinander, mischt sich, ergibt ein eigenartiges "Bild", man könnte auch sagen: ein Charakterstück.

Wohingegen das nächste Stück, "Motor" genannt, nun wirklich Programmusik ist: ein dramatischer Orgelakkord, dann wilde, gellende Passagen auf dem Marimbaphon, eine brachial hämmernde, rollende Ostinatofigur auf dem Klavier, die das Stück nicht mehr verläßt und es mechanisch und rüde vorantreibt. Die Orgel setzt dann irgendeine banale Rummelplatzmelodie darauf, und wer will, kann das Bild in seinem Kopf weitermalen, es ist ja doch verlockend: ein monumentales, bewegtes Bild eines Motors oder einer unheimlichen, stampfenden Maschine.

Es läßt jedenfalls beim Komponisten Naura einen Hang zu derlei Bildern, die sich ereignen, vermuten, denn auch in dem Stück "River" plätschert, glitzert, fließt, wogt es, und ein Flußgest steuert seinen rätselvollen Gesang bei. Vielleicht ist es aber auch umgekehrt: daß Michael Naura eine Musik im Kopf und in den Händen hat – und sich ein musikalisches "Bild", den Titel sucht.

So wie es bei den "Echos" zu sein scheint, einem Improvisationsstück, in dem alle drei Musiker – auf Marimbaphon, Klavier und Orgel – unmittelbar aufeinander reagieren, aufeinander antworten und die Antwort der Antwort der Artwort folgen lassen; sie spielen mit den eigenen Einwürfen und Antworten der anderen, kommen ins Schwatzen, kriegen sich in die Haare – und unten tönt wieder dieser unheimliche, tiefe Orgelton: hochintelligenter Jazz.