Der Ackermann und Böhm

Kultur kommt bekanntlich von lateinisch colere, "pflanzen, pflegen, Ackerbau treiben", und hat schon deshalb etwas mit Geduld und Hingabe zu tun, aber Detlef Hartlap, der seit neuestem beim Stern das Ressort "Kultur und Unterhaltung" leitet, kommt vom Ostfriesen-Magazin in Emden und ist auch sonst kein Lateiner. Vom Ackerbau jedoch versteht Hartlap etwas, besonders vom Rupfen und Jäten, und deshalb hat er gleich zu Beginn seiner Amtszeit den ihm unterstellten Filmredakteur des stern mit Stumpf und Stiel aus seinem Gebiet vertrieben. Aber kaum war dieses Hindernis beiseite geschafft, da schoß ein neues Kraut aus dem Kulturboden, den Hartlap zu bestellen hat, und wieder wurzelte es in den bizarren Abgründen des Kinos, von deren Tiefe unser Mann leider keine Ahnung hat. Mit Geduld und Hingabe nämlich hatte sich der Hamburger Regisseur Hark Böhm einige Gedanken zur Situation des deutschen Films gemacht, und als er nach fünfwöchiger Arbeit seinen Text bei Hartlap ablieferte, da war das Ergebnis der Mühen gar nicht so lustig und unterhaltsam, wie es ein Artikel im stern-Kulturteil sonst zu sein hat, sondern eher traurig und ein bißchen bitter, wie es der Lage im deutschen Film entspricht. Hartlap aber fing an zu ackern und zu graben, er wühlte und pflügte und präsentierte dem verblüfften Regisseur alsbald seine "Fassung" des Textes, ein echtes Hartlap-Gewächs, wie Böhm fassungslos erkannte. Aber noch gibt es ja ein Urheberrecht des Autors an seinem Produkt, selbst beim stern, und so machten sich die beiden Herren am Donnerstag vergangener Woche über das Bohmsche Manuskript her, bis sie eine Bohm-Hartlap-Variante erstellt hatten, mit der beide zufrieden waren. Einen Tag später freilich erfuhr Hark Böhm durch einen Anruf bei der Schlußredaktion des stern, daß die Hartlap-Fassung seines Filmaufsatzes bereits seit fünf Tagen gedruckt und verabschiedet war. Wenn also am heutigen Donnerstag der neue stern erscheint, wird Hark Böhm darin einen Text finden, der seinen Namen trägt, obwohl er ihn gar nicht geschrieben hat. In einem "Offenen Brief zur deutschen Kommentarkultur" wehrt er sich nun gegen den Schaden, der "der Sache und meinem Namen" zugefügt wurde. Und Hartlap? Er bittet den Autor, es mit seiner Entrüstung nicht gar zu weit zu treiben; schließlich habe er, der Ressortleiter "Kultur und Unterhaltung", von den Produktionsterminen bei seiner Zeitschrift nichts gewußt. Wie lautete doch der ursprüngliche Titel von Böhms Aufsatz? "Deutscher Film – tutti kaputti". Da haben der stern und der deutsche Film etwas gemeinsam.

Wilhelm Wagenfeld

Kaum jemand, der ihm nicht begegnet wäre, auch wenn er seinen Namen nie gehört hat: dem Industriedesigner – nein, diese "Spießerauszeichnung" war ihm stets zuwider, dem Mustermacher Wilhelm Wagenfeld, dessen Beruf es war, Muster für die industrielle Massenfabrikation von Gebrauchsgegenständen des Alltags zu entwickeln – von Salz- und Pfefferstreuern, Porzellan- und Glasgeschirr, von Gläsern jedweder Art, von Bestecken, Türgriffen, Krügen und Schüsseln, von Zitronenpressen, Butterdosen, Tintenfässern und Schreibmaschinen, nicht zuletzt von Lampen. Deren berühmteste war 1924 sein allererster Entwurf und zugleich der erste, mit dem das Weimarer Bauhaus von sich reden gemacht hat, die "Bauhauslampe", eine der schönsten, die je auf Tischen geleuchtet hat. Der so unabsichtlich weise Mann, der anfangs Dekorationsmaler (für Theaterkulissen) werden wollte, in Worpswede Holzschnitte machte, der dann aber zeichnen und ziselieren, Silber und Gold schmieden lernte und 1923 in die Metallwerkstatt des Bauhausmeisters Moholy-Nagy aufgenommen wurde, brachte es, natürlich, zum Professor; doch viel wichtiger war ihm zeitlebens die Arbeit für die Industrie, genauer: die Entwicklung von Gegenständen des Alltags, um "unsere häusliche Kultur" dem schlechten, bloß wirtschaftlich begründeten schlechten Geschmack "unserer Fabrikanten und Händler" zu entwinden. Was für ein Ziel – er wußte doch, daß die meisten Menschen "das Schöne ... vielleicht in der Natur, in der Dichtkunst, in der Musik, Malerei und Baukunst und auch in der Handwerksarbeit" erwarten, sich "aber bei allem, was die Industrie hervorbringt", schnell mit der puren Brauchbarkeit zufriedengeben. Folglich müsse "die Erziehung zur Kunst ... die Erziehung zum alltäglichen Leben sein und so die Erziehung zum Alltag in der Welt der Kunst". Am 29. Mai ist Wagenfeld, 90 Jahre alt, in Stuttgart gestorben.