Durch dick und dünn

Von Monika Putschögl

Tutenchamun, du hast es gut gehabt. Du warst tot, als man dich mit Bandagen umrollte. Ich aber bin bei lebendigem Leibe und bei vollem Bewußtsein und werde mit warmen Wickeln so fest eingeschnürt, als müßte ich als Mumie die nächsten dreitausend Jahre überdauern. Und dann werde ich auch noch, in Tücher eingepackt, in einer kleinen Kammer abgelegt. Nicht ganz für die Ewigkeit, aber für eine ewig lange halbe Stunde, schmore ich, zur Regungslosigkeit verdammt, auf einer Saunapritsche. Die leidige, schweißtreibende Wickelei dient einzig dem Zweck, meinen Körper ein bißchen strammer und straffer zu formen. Allgemeinplätze können profunde Wahrheit enthalten: Schönheit muß leiden. Ich quäle mich ab in einem Vital-Center. Ferien fürs Ich.

Zu mehr als fünfzig sind wir angetreten, um innerhalb von einer Woche Zentimeter und Pfunde zu verlieren, um die Falten, nicht nur am Hals, sondern auch an der Seele zu glätten. Wir, mehrheitlich Damen so zwischen dreißig und fünfzig – fast alle ohne sichtbares Übergewicht –, aber auch ein paar vereinzelte Herren, wollen uns in den nächsten Tagen pflegen und quälen lassen, um schließlich zur Harmonie von Körper und Geist zu finden, so das hochgestochen-verbrämte Konzept unseres Verschönerungsinstituts.

Wir leben auf Schloß Lebenberg, ein Stück Wegs oberhalb von Kitzbühel, einem durchaus angenehmen und komfortablen Ferienhotel, wäre da nicht der trutzige Burgturm, nagelneu im alten wehrhaften Stil errichtet und gerade erst eröffnet, innen lichtdurchflutet, luxuriös – und unterteilt in viele Zellen. Wurden früher in Turmverliesen die vermeintlichen Hexen gezwackt, gestreckt und hochnotpeinlich untersucht, zahlen die Körperbewußten heute freiwillig mehr als eineinhalbtausend Mark, um einbandagiert und geknetet zu werden, sich mit Saugglocken und Massagegeräten malträtieren zu lassen, sich bei muskelschindenden Übungen zu verrenken – und um literweise Kräutertee in sich hineinzuschütten.

Die Thermoskanne, so erläutert unsere Zuchtmeisterin Polly mit einschmeichelndem Lächeln gleich zur Begrüßung, werde nun unser Kurschatten sein. Mindestens drei Liter, die Herren fünf, müssen täglich getrunken werden. Schließlich wollen wir ja unseren Körper von innen her schön reinwaschen, wollen allen Schmutz und alle Schlacken herausschwemmen. Wir schlucken Sud von Schachtelhalm und Lindenblüte, von Brennessel und Pimpernell, von Löwenzahn und Holunder und irgendwie schmeckt alles gleich – wie warmes Wasser. Aber die Tees wirken. Ich kann keine Nacht mehr durchschlafen, und ich wage mich nicht mehr auf kloferne Exkursionen.

Mit Tee endet der Tag. Mit Tee beginnt der Tag. Morgens um sieben Uhr. Einen Liter auf nüchternen Magen empfiehlt der Kurplan. Wir trinken, als gelte es, einen Rekord fürs Guinnessbuch aufzustellen. Dann pilgert ein Prozessionszug aprikosenfarbener Bademäntel durchs Hotel zum Schwimmbad. Wir planschen auf Kommando ausgelassen wie die kleinen Kinder im Wasser, lassen Arme und Beine kreisen, stemmen uns am Beckenrand hoch, hüpfen in die Höhe, daß es nur so pritschelt und spritzt – Wassergymnastik.

Anschließend ist jeder von uns ins enge Korsett seines Stundenplans gepreßt. Von der Akupressurmassage zur Lymphdrainage, dazwischen Peeling und Pediküre, von der Körperpackung zum Kräuterwickel, vom Fitneßlauf zur Dehnungsgymnastik – je nach Schönheitsdrang und Geldbeutel. Nicht alle Anwendungen sind im Pauschalpreis enthalten, und nicht jeder verträgt jedes. So beginnt denn die Kur mit einer kurzen aber kritischen Musterung unter Pollys militärisch scharfen Augen. An Bauch und Hüften könne ein bißchen Speck weg, befindet sie, der Rücken sei total verspannt, gegen die Falten am Hals solle man angehen. Nur an meinen Beinen findet sie nichts auszusetzen. Ich komme mir vor wie ein Wrack und spüre, es war allerhöchste Zeit, mich zu trimmen. Der Arzt konstatiert anschließend, daß Herz, Kreislauf und Venen in Ordnung sind und sämtlichen Torturen standhalten müßten.

Durch dick und dünn

So finde ich mich jeden Morgen um acht Uhr, gewogen und vermessen, in der Sauna ein zum Heißlaufen für die Wickelkur, die meine Fettpolster wegschmelzen soll. Kalt abgespritzt und vibrationsmassiert erst darf ich mich an den kargen Frühstückstisch setzen. Mal können wir uns an Hüttenkäse mit Schnittlauch laben, mal wird uns ein Stück Vollkornbrot und eine durchsichtig dünne Scheibe Kalbsbraten serviert, mal tun wir uns gütlich an Magerquark mit Leinsamen.

Schnell noch ein Becherchen Tee und ab zur Beingymnastik. Da liegen wir, zu fünfzig Schilling die halbe Stunde, brav auf unseren Matten wie weiland in der Turnstunde. Nach einer Woche Dehnungs- und Wirbelsaulen-, Bein- und Bauchgymnastik, nach Yoga und Ismakogie, fühle ich mich durchtrainiert wie eine olympiareife Turnerin, habe mich an den Muskelkater als ständigen Begleiter gewöhnt, komme mir vor wie ein indischer Säulenheiliger, wenn ich, mit anmutig über dem Kopf gefalteten Händen, ohne zu wackeln stumm auf einem Bein stehe, komme mir vor wie eine Balletteuse, wenn ich, möglichst formschön auf den Boden hingegossen, unter Aufbietung aller Disziplin, möglichst grazil meine Beine grätsche. Mysteriöserweise habe ich immer noch Schwierigkeiten, aufrecht stehend mein Knie kerzengerade bis zur Nase zu führen und kann absolut nicht entspannen – mit über den Kopf gestülpten Beinen.

Das Kunststück, mit dem großen Zeh auf- und abzuwippen oder mit den Ohren Achter zu kreisen, erzielt zumindest einen Heiterkeitserfolg bei meinen Kurgefährten. Diese Fähigkeiten entstammen meinem Bemühen um die Ismakogie, bei der ich lerne, meinen hoffentlich bald durchgestylten Körper richtig zu bewegen. Niemals wieder werde ich mich hinsetzen, indem ich einfach meinen Po auf den Sitz schiebe: Ein Bein vorgestreckt und dann kerzengerade nach unten gleiten lassen, heißt die Maxime. Die Chance, den Stuhl zu verpassen, allerdings steigt.

Mehrmals täglich betreibe ich Nabelschau, betrachte argwöhnisch meine Bauchdecke, ob die muskelstrapazierenden Balanceakte schon Erfolg zeigen. Wirkung zeitigt immerhin die Schwitzpackung. Die nur knapp fünfzig Grad warme Sauna kommt mir Neuling glühend vor wie das Höllenfeuer. Ich nehme mir vor, mich von Stund an eines anständigen Lebenswandels zu befleißigen. Im Fegefeuer zu schmoren ist meine Sache nicht. Schweißtriefend wie ich bin, schickt man mich dann in einen weißgekachelten Raum, kahl wie in einer Klinik. Auf einer operationstischschmalen Liege werde ich mit ätherischen Ölen eingesalbt und dann in Plastikfolie eingewickelt, als müßte ich nun in die Tiefkühltruhe. Aber die sanfte Marlene verpackt mich weiter in Tücher und Decken, bis ich aussehe wie ein gewaltiges Bündel. So liege ich alleingelassen auf der Pritsche, die Plastikhaut glitscht auf meinem Körper und ich fürchte herunterzuplumpsen; ich fühle mich eingezwängt wie in einem Folterkasten, würde sofort alles ausplaudern, was man von mir wissen will – aber sie müssen mich vergessen haben. Ich könnte um Hilfe schreien. Aber ich will nicht vorlaut sein. Esoterisch säuselnde Harfenklänge sollen mich beruhigen. Sie gehen mir auf die Nerven. Ich träume, zwei finstere Burschen stürmen herein und wollen mich entführen.

Auf meiner Haut fängt es an, heiß und doch erfrischend wie in einer Werbung für Duschgel zu prickeln. Es riecht nach Pfefferminz und Eukalyptus. Ich fühle mich deo-sauber und gar nicht Schlacke ausschwitzend. Ich werde nicht schreien. Nach einer stundenlangen halben Stunde werde ich entwickelt und gewogen – ich habe zweihundert Gramm zugenommen. Bei einem Becher Tee beschließe ich, mich nach einem anderen Jungbrunnen umzusehen.

Ich steige in die Hydroakupressurwanne, ein computergesteuertes Ungeheuer mit unzählig vielen winzigen Düsen. Wie Islands heiße Quellen fängt das Wasser an zu brodeln und zu blubbern, umkitzelt mich, plötzlich werden meine Beine stramm von Strahlen massiert, die Hüften umdüst. Ich finde Gefallen an dem Tosen in diesem überdimensionalen Whirlpool – wenn ich dabei doch auch noch abnehmen würde!

Folter und Pflege wechseln sich ab. Die Straffung von Kinn und Dekolleté wird viel sanfter angegangen. Erst streicheln zarte Hände Creme in die Haut, dann hüpfen winzige Saugglocken hektisch hechelnd über den Hals, bald habe ich das Gefühl, daß mit jedem ihrer Flop-Töne eine Falte verschwindet. Das ist zumindest einen Extrabecher Tee wert.

Durch dick und dünn

Erhobenen Schwanenhalses schreite ich zum Abendessen in den Gobelinsaal. Den ganzen Tag ungekämmt, ungeschminkt, in Hausschuhen, Bademantel oder Gymnastikanzug, erscheint es als Wohltat, gepflegt gewandet zum Diät-Dinner zu erscheinen. Das ist man schließlich auch dem Küchenchef schuldig, der sich immer wieder bemüht, aus kalorienarmen und gesunden Petitessen ein dekoratives Mahl auf den Teller zu zaubern. Es erscheinen Gemüse-Ikebanas, die jeden Nouvellecuisine-Koch neidisch machen müßten, nur sind dessen Gerichte geradezu gargantuesk gegen unsere Portionen: Wie zierlich eine Weintraube geachtelt wird, wie rührend winzig Kohlrabi gestiftelt und Möhrchen geschnitzt werden, mit welchem Geschick ein Kaninchenrücken in daumennagelgroße Bröcklein abgezählt ist. Die Speisekarte unserer Menüs liest sich wie in einem Feinschmeckerrestaurant: Edelfisch an Dillschaum, Paillard vom Kalbsrücken an Estragonsabayon, Rindfleisch mit Kresse. Die Sache hat nur ein Manko: Es wird salzlos gekocht. Ich lerne Freude am Verzicht und lasse geschmacklose Broccoli- und Blumenkohlröschen, lasse Kartoffelhälfte und Zucchiniraute zurück.

Dank Pollys Ratschlag, jeden Bissen mindestens zwanzigmal zu kauen und nach jedem Häppchen Messer und Gabel aus der Hand zu legen, dehnen sich unsere Mahlzeiten, bis alles kalt ist. Ob des intensiven Malmens schleppt sich die Konversation bei Tisch, aber ohnehin wird vornehmlich über Fitneß und Kalorien geredet. Weil wir nicht fassen, daß Desserts wie Schneenockerl und Strudel, Bratapfel und Kaffeecreme in unseren Fastenplan passen.

Aber wahrscheinlich dienen die zuckersüßen Köstlichkeiten nur dazu, die Truppe bei Laune zu halten. Strategisch geschickt plaziert Polly zur Wochenmitte eine moralfestigende Predigt. Habt euch selbst lieb, heißt ihr Credo, wie können euch sonst die anderen liebhaben. Freut euch nicht an Schlemmen und Weintrinken, sondern an einem schönen Spaziergang, einem entspannenden Bad. Seid zufrieden. Findet Ruhe. Findet zu euch selbst. Seid mit den kleinen Dingen glücklich. Auch wenn man nur grammweise abnimmt. Dann eben Streß verlieren statt Speck.

Ich beschließe, mich die verbleibenden Tage nicht mehr von Waage und Zentimetermaß terrorisieren zu lassen und schließe beim Wiegen die Augen. Ich will fröhlich sein und lieb zu mir selber – ich beginne zu genießen. Die Ampullenkur und die Interferenzmassage, bei der dank Stromschwingungen mein Fett entzerrt wird, so scheint es mir, selbst Bauchgymnastik und Wickelkur verlieren ihren Horror. Mir fällt auf, wie freundlich die jungen Bademeisterinnen, Kosmetikerinnen und Masseusen sind, ja selbst die schweigsamen Leidensgefährten sind plötzlich locker und kommunikativ. Mich nervt die dauernde Musik nicht mehr, die Behandlungszellen verlieren ihren Folterkammercharakter, und vom Saunafenster aus ergötze ich mich am Blick auf Kitzbühels Berge.

Der letzte Tag, der spannende Augenblick: Polly legt das Maßband an. Mit fast zwanzig Zentimeter weniger Körperumfang (vier davon fehlen am Bauch, drei in der Taille) und zwei Kilo leichter entschwebe ich strahlend dem Vitalturm.