So finde ich mich jeden Morgen um acht Uhr, gewogen und vermessen, in der Sauna ein zum Heißlaufen für die Wickelkur, die meine Fettpolster wegschmelzen soll. Kalt abgespritzt und vibrationsmassiert erst darf ich mich an den kargen Frühstückstisch setzen. Mal können wir uns an Hüttenkäse mit Schnittlauch laben, mal wird uns ein Stück Vollkornbrot und eine durchsichtig dünne Scheibe Kalbsbraten serviert, mal tun wir uns gütlich an Magerquark mit Leinsamen.

Schnell noch ein Becherchen Tee und ab zur Beingymnastik. Da liegen wir, zu fünfzig Schilling die halbe Stunde, brav auf unseren Matten wie weiland in der Turnstunde. Nach einer Woche Dehnungs- und Wirbelsaulen-, Bein- und Bauchgymnastik, nach Yoga und Ismakogie, fühle ich mich durchtrainiert wie eine olympiareife Turnerin, habe mich an den Muskelkater als ständigen Begleiter gewöhnt, komme mir vor wie ein indischer Säulenheiliger, wenn ich, mit anmutig über dem Kopf gefalteten Händen, ohne zu wackeln stumm auf einem Bein stehe, komme mir vor wie eine Balletteuse, wenn ich, möglichst formschön auf den Boden hingegossen, unter Aufbietung aller Disziplin, möglichst grazil meine Beine grätsche. Mysteriöserweise habe ich immer noch Schwierigkeiten, aufrecht stehend mein Knie kerzengerade bis zur Nase zu führen und kann absolut nicht entspannen – mit über den Kopf gestülpten Beinen.

Das Kunststück, mit dem großen Zeh auf- und abzuwippen oder mit den Ohren Achter zu kreisen, erzielt zumindest einen Heiterkeitserfolg bei meinen Kurgefährten. Diese Fähigkeiten entstammen meinem Bemühen um die Ismakogie, bei der ich lerne, meinen hoffentlich bald durchgestylten Körper richtig zu bewegen. Niemals wieder werde ich mich hinsetzen, indem ich einfach meinen Po auf den Sitz schiebe: Ein Bein vorgestreckt und dann kerzengerade nach unten gleiten lassen, heißt die Maxime. Die Chance, den Stuhl zu verpassen, allerdings steigt.

Mehrmals täglich betreibe ich Nabelschau, betrachte argwöhnisch meine Bauchdecke, ob die muskelstrapazierenden Balanceakte schon Erfolg zeigen. Wirkung zeitigt immerhin die Schwitzpackung. Die nur knapp fünfzig Grad warme Sauna kommt mir Neuling glühend vor wie das Höllenfeuer. Ich nehme mir vor, mich von Stund an eines anständigen Lebenswandels zu befleißigen. Im Fegefeuer zu schmoren ist meine Sache nicht. Schweißtriefend wie ich bin, schickt man mich dann in einen weißgekachelten Raum, kahl wie in einer Klinik. Auf einer operationstischschmalen Liege werde ich mit ätherischen Ölen eingesalbt und dann in Plastikfolie eingewickelt, als müßte ich nun in die Tiefkühltruhe. Aber die sanfte Marlene verpackt mich weiter in Tücher und Decken, bis ich aussehe wie ein gewaltiges Bündel. So liege ich alleingelassen auf der Pritsche, die Plastikhaut glitscht auf meinem Körper und ich fürchte herunterzuplumpsen; ich fühle mich eingezwängt wie in einem Folterkasten, würde sofort alles ausplaudern, was man von mir wissen will – aber sie müssen mich vergessen haben. Ich könnte um Hilfe schreien. Aber ich will nicht vorlaut sein. Esoterisch säuselnde Harfenklänge sollen mich beruhigen. Sie gehen mir auf die Nerven. Ich träume, zwei finstere Burschen stürmen herein und wollen mich entführen.

Auf meiner Haut fängt es an, heiß und doch erfrischend wie in einer Werbung für Duschgel zu prickeln. Es riecht nach Pfefferminz und Eukalyptus. Ich fühle mich deo-sauber und gar nicht Schlacke ausschwitzend. Ich werde nicht schreien. Nach einer stundenlangen halben Stunde werde ich entwickelt und gewogen – ich habe zweihundert Gramm zugenommen. Bei einem Becher Tee beschließe ich, mich nach einem anderen Jungbrunnen umzusehen.

Ich steige in die Hydroakupressurwanne, ein computergesteuertes Ungeheuer mit unzählig vielen winzigen Düsen. Wie Islands heiße Quellen fängt das Wasser an zu brodeln und zu blubbern, umkitzelt mich, plötzlich werden meine Beine stramm von Strahlen massiert, die Hüften umdüst. Ich finde Gefallen an dem Tosen in diesem überdimensionalen Whirlpool – wenn ich dabei doch auch noch abnehmen würde!

Folter und Pflege wechseln sich ab. Die Straffung von Kinn und Dekolleté wird viel sanfter angegangen. Erst streicheln zarte Hände Creme in die Haut, dann hüpfen winzige Saugglocken hektisch hechelnd über den Hals, bald habe ich das Gefühl, daß mit jedem ihrer Flop-Töne eine Falte verschwindet. Das ist zumindest einen Extrabecher Tee wert.