Warum wir am 17. Juni als Nationalfeiertag festhalten sollten

Von Karl-Heinz Janßen

In das Mißbehagen mancher Bundesbürger, daß diesmal der bezahlte Feiertag des 17. Juni auf einen Sonntag fällt, mischt sich die Ungewißheit, ob es ihn nach der womöglich schon am Jahreswechsel vollzogenen Wiedervereinigung überhaupt noch geben wird. Denn wozu sollte ein "Tag der deutschen Einheit" danach noch nütze sein?

Bildet also die gemeinsame Feierstunde, zu der Abgeordnete beider deutscher Parlamente im Gedenken an den Volksaufstand von 1953 im Ostberliner Schauspielhaus zusammenkommen wollen, den Schlußpunkt nach 36 Jahren Mahnreden mit Buchsbaum und Kammermusik im Bundestag?

Abschaffen wollte man diesen Feiertag schon seit langem. Seit mehr als zehn Jahren wirbt eine Initiative "Nationalfeiertag in beiden deutschen Staaten" für den 18. März als neues Datum. An jenem Märztag im Jahre 1848 war das Volk von Berlin auf die Barrikaden gegangen. Es fügt sich in dieses Bild, daß 1793, ebenfalls an einem 18. März, in Mainz die erste Republik auf deutschem Boden ausgerufen wurde und daß 196 Jahre später am gleichen Tage in der DDR die ersten freien Wahlen abgehalten wurden.

Andere wollten dem 17. Juni zu Leibe rücken, weil er bei zunehmender Annäherung zwischen Ost und West nicht mehr in die politische Landschaft paßte. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt schließlich meinte, "eine Niederlage des Freiheitswillens" könne man doch nicht feiern.

Inzwischen hat unerwartet doch der Freiheitswille gesiegt, und das deutsche Volk wird eine gemeinsame Wohnung im Europäischen Haus beziehen. Wäre es da nicht an der Zeit, so ist jetzt unter liberalen Intellektuellen zu hören, vor der Welt ein Zeichen zu setzen und ein für allemal das ganze nationalstaatliche Brimborium, das unsere Republik aus vergangenen Jahrhunderten mit sich schleppt, über Bord zu werfen? Eine Republik vorzuführen, die sich selber genug ist, gern auf Bonner Wachbataillon und Honeckers Tambourmajors, auf Tschingderassabum und Fahnenappell verzichten kann, weder Frack noch Zylinder, weder Nationalhymne noch die Fahne im Amtszimmer und das Präsidentenbild an der kahlen Bürowand benötigt?