Ein feste Burg ist unser Land

Von Iris Radisch

In der Makarenkostraße in Greifswald wehen die Fahnen. Neun DDR-Fahnen, eine Pommernfahne, eine durchlöcherte Fahne, eine Burschenschaftstrikolore. Die Studenten im staatlichen Studentenwohnheim führen Fahnenkrieg nach verlorener Schlacht. Mit eindeutigem Ergebnis: neun zu drei. Aber für wen?

Vier Neubausilos im Plattenbaustil für die rund 3000 Greifswalder Studenten: drei Betten, drei Tische, drei Schränke, drei Studenten pro Zimmer. Die gläserne Pförtnerloge im Eingang ist seit Monaten leer. Auf den Gängen stapelt sich der Müll – Flaschen, Zeitungen, Unterhosen, die "Geschichte der SED"; die Stühle und Tische in den Gemeinschaftsküchen sind zerschlagen und angebrannt. Es riecht nach Desinfektionsmitteln, nach Erbrochenem. Hier zu wohnen kostet zehn Mark im Monat. Wer in Greifswald studiert, hat einen Schlafplatz in der Makarenkostraße. Das ist ein altes Recht. Die Fahnen, der Müll und der Dreck. Das ist neu.

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Andrea Beu wohnt im obersten Stockwerk, so nah wie möglich am "C.-D.-F.-Himmel", dem "Caspar-David-Friedrich-Himmel" der Greifswalder. Sie gehört zu den vier besten Studenten ihres Jahrgangs. Ihr Name steht auf einer Liste unter der Rubrik "Ausgezeichnet", die in der Universität hinter Glas hängt. Jetzt ist sie "Forschungskader" und darf deshalb allein in ihrem Zimmer in der Makarenkostraße wohnen, in dem die Uhren alle absichtlich ein wenig vorgehen. Andrea Beu möchte nicht zu spät kommen.

FDJ-Sekretärin ist sie seit dem 9. November zwar nicht mehr, aber in der Partei ist sie geblieben. Gemeinsam mit ihren Freunden, Thea und Egbert, in deren Wohnung wir uns treffen, weil die beiden gestern geheiratet haben. Auch hier weht vor dem Fenster die unbeschnittene Flagge, und in der kleinen "Muttiwohnung", einer Anderthalb-Zimmer-Nische für Studentenpaare mit Kind, gibt es das Kalte vom Hochzeitsschmaus für einen Menschen "von drüben", mit dem Andrea noch vor einem Jahr überhaupt nicht gesprochen hätte.

Vor einem Jahr! Da hat sie den Gaststudenten aus Amerika noch erklärt, was Demokratie ist: vor dem Männchen mit dem roten Hut an der Ampel stehenzubleiben – auch wenn die Straße leer ist. Warum sie in der Partei ist? Die Ideale, die Ideale! Natürlich war das nicht immer leicht: die FDJ-Sitzungen, die Protokolle, die Berichte, die verlorene Zeit. Die FDJ, das war für sie vor allem Kulturarbeit: eine Fete, bei der man die Gäste aneinanderfesselte, das Galeriecafe im Erdgeschoß, ein Fahrradausflug. Irgend jemand mußte die FDJ-Gelder doch ausgeben: allein 600 Mark für Papiergirlanden bei einer FDJ-Party. Geld war kein Problem.

Ein feste Burg ist unser Land

Die Ideale, der Fahrradausflug, die Papiergirlanden vom vergangenen Jahr. Heute trägt Andrea noch immer gerne rote Halstücher und hellblaue Hemden. Thea promoviert über barocke Begräbnisdichtung in Pommern, Egbert über methodische Probleme des Unterrichts in einer 10. Klasse. Das geht alles seinen nachsozialistischen Gang. Die Stipendien für Studenten und "Forschis" laufen nach Plan, die Wohnsilos stehen, das Wasser in der Universitätsbibliothek bedroht vorerst nur die Folianten im Keller, die Fahne flattert vorm Fenster. Einzig Andrea hat noch Schwierigkeiten mit der Wende. Sie promoviert über einen Greifswalder Dichter: über Wolfgang Koeppen. In der Staatsbibliothek in West-Berlin hat sie eine Bibliographie entdeckt, die zwei Jahre alt ist und von der sie noch nie etwas gehört hatte. Vor der westdeutschen Koeppen-Literatur "versagt ihr Besteck" – Frankfurter Schule, Foucault, Derrida, Lyotard, Identitätsproblematik. Wie soll sie da mithalten, bei den drei "Interpretationshansels", mit deren Werken sie ausgerüstet wurde? Eine Freundin hat ihre Doktorarbeit zur Geschichte der SED nach zweijähriger Arbeit im November sofort aufgegeben.

Die Bundesrepublik? Die ist groß, und die ist weit. Der Anschluß an Südschweden, der wäre den Studenten lieber. Südschweden! Das liegt in jeder Hinsicht näher. Ein ordentliches Land, ein gerechtes Land am Meer. Das "schwedische Modell" ist für viele junge Intellektuelle ein neues Wort für Utopie. Und Westdeutschland? Da braucht man sich doch bloß dieses Nudelholz aus Marmor anzusehen. Enttäuscht hält mir Egbert eine besonders edle Nudelrolle unter die Nase. Ein Hochzeitsgeschenk. Was kann ein Land schon taugen, in dem man so was einfach kaufen kann. Was wäre das vor einem Jahr noch für eine Freude gewesen! Heute weiß man, daß das jeder kaufen kann und daß es noch nicht einmal teuer ist. Das Glück? Ein Land, in dem man sich freut, aus ganzem Herzen, über marmorne Nudelhölzer.

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"Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht die Nacht... Auch Götter verwesen." Ein junger Mann in Sandalen rezitiert vor seinen Studenten. Das Deutsche Seminar in Greifswald liegt versteckt auf dem Hinterhof einer Augenklinik, neben einem Hühnerhof und neben dem Untersuchungsgefängnis. Darin hat der junge Mann einst gesessen, der jetzt vor den künftigen Literaturlehrern des vereinten Deutschland zum ersten Mal Nietzsche zitiert. Nietzsche: Bis heute ist in der DDR einzig "Ecce Homo" als nahezu unbenutzbares Faksimile erschienen. Eine fertig gedruckte Reclam-Ausgabe wurde in letzter Minute wieder eingestampft. Eine ganze "Erbelinie" ... in der falschen "Erbediskussion" einfach untergegangen ... dabei so wichtig für Thomas Mann und viele andere, schon wegen des "aphoristischen Weltbildes". Der junge Dozent gerät ins Schwärmen. Schuld an diesem Untergang seien nicht zuletzt Wolfgang Harich und sein Aufsatz "Zur Revision des marxistisch-leninistischen Nietzschebildes". Wer ist Wolfgang Harich? Niemand weiß es. Ein junger Mann mit schwarzrotgoldenem Aufkleber auf dem Heftdeckel vermutet, daß Harich ein russischer Spion war.

Doch vergessene Erbelinien und russische Spione können die Herzen der Greifswalder Lehramtskandidaten nicht rühren. Gelesen hat ohnehin noch keiner eine Zeile von Nietzsche. In der Fachbereichsbibliothek steht er nicht einmal im (noch immer verschlossenen) "BRD-Schrank", in dem jahrzehntelang Autoren wie Hildegard Knef und F.J. Raddatz, Konsalik und Enzensberger, Julien Green und Ina Seidel mit Erfolg vor dem "Zerlesenwerden" bewahrt wurden.

Auch in der Universitätsbibliothek wurde bis vor kurzem ein allzu reges Leihwesen durch eine fein abgestimmte "Sekretierung" der Bücher verhindert, deren Bleistiftspuren sich noch immer auf den Buchkarten befinden: "bürgerlich-fortschrittlich", "bürgerlich-wissenschaftlich", "fortschrittlich-wissenschaftlich", "bedingt brauchbar" wurde da von kundiger Hand vermerkt. Über die Bedeutung dieser Unterscheidungen kann schon heute niemand mehr Auskunft geben. "Das war vor meiner Zeit", sagt der Bibliothekar. Eine besonders frühe Gnade der späten Geburt.

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Ein feste Burg ist unser Land

"Werter Prof. Dr. sc. W. Sikora! In Anbetracht der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in unserem Land erscheinen uns einige der von Ihnen ausgearbeiteten Prüfungsthemen fragwürdig. Wir sind der Meinung, daß es zu vielen Themen noch keine fundierten Aussagen, sondern nur persönliche Meinungen und Standpunkte geben kann, da zur Zeit keinerlei konkret festgelegte Richtlinien zur a) Bildungspolitik und b) Bildung und Erziehung seitens des Bildungsministers unseres Landes existieren. Ihre Studenten."

Ein Flugblatt aus Greifswald. Werter Herr Professor, die Richtlinie a und die Richtlinie b, ausgearbeitet und vom Minister. Werter Herr Professor, konkret und festgelegt. Die neuen Studien zum noch immer autoritären Charakter, wer wird sie schreiben? Die vielen Arbeitslosen des einst

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blühenden Wissenschaftszweigs Marxismus-Leninismus, die neuen Gesellschaftswissenschaftler der DDR?

"Wer, wenn nicht wir, die Denkzellen der Gesellschaft", sollen das machen: "eine Soziologie der DDR-Gesellschaft erstellen", "die Wirklichkeit soziologisch durchdringen", "ihre Grundwidersprüche aufdecken" – der ehemalige Marxismus-Leninismus-Dozent Jürgen Trinkus hat viel vor. Messer und Gabel, mit denen solche Scheiben geschnitten, solche Theorieportionen hergerichtet werden sollen, scheppern zwischen den Worten. Das Besteck versagt auch hier.

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Messerchen, Gabelchen und Löffelchen: Ordentlich in Plaste-Säckchen verpackt tragen die Greifswalder Studenten ihr Besteck zur Mensa. Nach dem Essen bildet sich eine lange Schlange an der Wasserspüle. Messer und Gabel wollen a) gewaschen und b) ins Säckchen zurückgepackt werden. Anders als in den Wohnheimen stapelt sich hier kein Müll. Aseptische Leere auf Tischen und Wänden, kein Plakat, kein Flugblatt, keine Wohnungsgesuche, keine Selbsterfahrungs- und Mitfahrangebote. Eine Stimmung wie im Ikea-Katalog. Südschwedische Verhältnisse. Alles sauber, alles praktisch. Sittsame Mittellage. Nur viel, viel grauer. Ein wenig Farbe lockt lediglich von den kecken Hütchen der ersten DDR-Burschenschaftler, die, mit ihren bunten Schärpen verziert, in den Ecken lange Gespräche mit älteren Herren führen. Außen hui, innen sehr lutherisch. "Daß der freie Wille nichts sei" – De servo arbitrio, wie Luther wohl an dieser Stelle sagen würde.

Ein feste Burg ist unser Land

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"Man muß solche Strukturen jetzt nicht künstlich aufbrechen", sagt Elias Sabbagh vom Studentenrat in Ost-Berlin. "Nur mehr Geld, 500 Mark im Monat, das muß sein." Die Studenten leben bisher von 200 Mark, gehen Tag für Tag zur vorgeschriebenen Stunde in vorgeschriebene Vorlesungen und machen am vorgeschriebenen Tag des vorgeschriebenen Jahres ihre Prüfung. Mit ihrer Unterschrift haben sich die Studenten dem Staat versprochen: Mindestens drei Jahre lang mußten sie ihm bisher nach dem Studium vor der Schulklasse dienen. Literatur konnte nur studieren, wer auch Lehrer wurde. Eine wissenschaftliche Germanistikausbildung gab es lediglich an drei Universitäten mit jeweils zwanzig (undurchsichtigen) Neuaufnahmen pro Jahr. Der Rest absolvierte ein streng am Rahmenplan der Einheitsschule orientiertes Lehrerstudium in zwei Fächern plus Gesundheitserziehung ("und dies, meine Damen und Herren, ist ein Waschlappen"), Methodik, Didaktik, Marxismus-Leninismus, Russisch, Sport und sprachkünstlerisches Gestalten. Ein Studium für Didaktiker- und Buchhaltergemüter, das kaum Zeit zum Studieren ließ.

Und jetzt? Russisch, Sport und Marxismus-Leninismus wurden noch im November abgeschafft. Statt dessen haben sich die Studenten ein Studium generale gewünscht, mit Themen wie "Die Theologie der Befreiung", "Moral im gesellschaftlichen Leben", "Neofaschismus", "Stalinismus", "freie Marktwirtschaft". Das Alphabet des gebildeten Postkommunisten.

Im Gras in der Makarenkostraße sitzen zehn Studenten und beraten über ihre Wünsche an die Universitätsleitung. Was soll sich ändern? "Am Recht auf Arbeit, nein, wie sagt man, an den Studienabschlüssen soll sich nichts ändern." Nichts an der Regelstudienzeit, nichts an der engen Ausrichtung des Studiums am Schulunterricht. Dafür wünschen sich die jungen Leute obligatorische Aufnahmeprüfungen, Maßnahmen gegen "Studienbummelei", Rechenschaftspflicht über die "Studientätigkeit" ("damit niemand nur Romanführer liest"), vielleicht vom fünften Semester an einen freien Tag pro Woche, um die Diplomarbeit zu schreiben, einen konkreten Anforderungskatalog für jedes Fach, damit sie wissen, was sie wann zu absolvieren haben.

Regel, Prüfung, Pflicht, Katalog. Gelernt ist gelernt und das Treffen im Gras schnell zu Ende. Die Forderungen sind mit sauberer, kleiner Schrift zehnmal im Heft notiert. Nächstes Treffen: zur Demonstration! Morgen früh um 8 Uhr. Daß ja niemand bummelt!

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Das Wort muß würgen!

Ein feste Burg ist unser Land

"Komm mit, aber ich bleibe. Ich werde die Morgenzeitung nicht im dämmernden Paris, hustend, in einem berühmten Bistro am Boulevard Saint Mitzschel aufschlagen." Vier sitzen am Tsch in einer Dachkammer des Deutschen Seminars in Greifswald. Drei Studenten. Ein Dozent – Ringelpulli, Vollbart, kohlhäsisch genau und liebenswürdig unbeholfen. Auf dem Tisch stapeln sich Lyrikbände. Die Studenten lesen vor, der Dozent sucht nach neuen Strophen und Konkordanzen. Die drei Literaturstudenten wollen mehr wissen, als ein Lehrer in der DDR wissen muß. Der Dozent tut, was nicht im "Anforderungskatalog" steht und nicht bezahlt wird: Er hält ein Privatissimum zur DDR-Lyrik der achtziger Jahre. Mensching, Faktor, Kolbe, Pietrass, Schedlinski, Papenfuß, ein Raubdruck aus Stralsund, ein Raubdruck aus Rostock. Die "Gegensprache" dieser Lyrik, richtet sie sich gegen die Diktatur, oder ist sie zeitlos? Man diskutiert drei lange Stunden, verabschiedet sich schüchtern, wortkarg, wünscht gute Ferien. Die Worte würgen. Das Sprechen ist ein Experiment. In den Raubdrucken, auf den Abwegen von Greifswald.

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Wo findet man Franz Kafka in Rostock? Die junge Bibliothekarin sucht einen Schlüssel. "Bitte folgen Sie mir." Kafka steht in einer Abstellkammer, dem "BRD-Magazin" des Deutschen Seminars in Rostock. Er steht da in guter Gesellschaft. Alle stehen sie da, Musil, Broch, Habermas, Adorno ... und ganz hinten auf einer Ablage ein großer Stapel der ZEIT, "aus Platzgründen und weil das ja doch niemand liest". Ihr Kämmerlein aufschließen würde die junge Dame inzwischen jedem, sogar ausleihen darf man ihre Schätze, aber es kommt niemand, der hier Einlaß begehrt. "Eine Zeitung, in der jeder schreiben kann, was er will und wieviel er will, was ist daran interessant?" fragt mich eine Germanistikstudentin. "Die Wortflut banalisiert alles. Vielleicht sind die Studenten in der Bundesrepublik deshalb alle so banal. Ein Buch, das man sich nicht ‚erobern‘ mußte, hat wenig Bedeutung." Das erste Heimweh nach der Mauer? "Uninteresse", sagt die Bibliothekarin.

Auf dem Flur vor verschlossener Abstellkammer debattieren zwei Studenten über Stalins Schuld an Hitlers Überfall auf Rußland, "letztlich auf unsere Kosten", wie sie meinen. Warum sie sich keine Bücher aus der Abstellkammer ausleihen? Sie haben andere Sorgen, als jetzt "den letzten Böll" zu lesen. Das Kind in der Schule soll plötzlich Förderunterricht bekommen, und ihre Straße, Str. d. DSF (Straße der deutsch-sowjetischen Freundschaft), muß umbenannt werden. Im Westen waren die beiden wie viele ihrer Kommilitonen noch nicht. Keine Zeit, kein Geld, kein Interesse.

Am Abend ein Treffen mit jungen Rostocker Nachwuchsautoren im "Haus zur Kühlung". Man liest Texte zur "Auseinandersetzung mit Erlebnissen während des Dienstes in den bewaffneten Organen". An der Garderobe erwartet den Besucher ein Schild: "Tragen auch Sie durch ihr Verhalten und Ihre Kleidung dazu bei, das Niveau und die Atmosphäre dieser Gaststätte zu halten." De servo arbitrio, wie gesagt.

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Niveau und Atmosphäre in den Gaststätten, der Geist in der Abstellkammer, die Nudelrolle auf dem Tisch, die Ideale im Herzen und die Fahnen vorm Fenster. Das Abseits als sicherer Ort im Endspiel der DDR. "Das Umschalten auf West ist noch immer nicht unsere Sache", gibt man mir mit auf den Weg, "und von den bißchen Tankstellen und Photokopierern lassen wir uns nicht so schnell beeindrucken. Letztlich ist bei euch auch alles nur stino – stinknormal wie überall."

Ade, ade! Schnell zurück ins Stino-Land. Nur keine "Bummelei" beim Versuch, das Endspiel zu verstehen. Gelernt? Gelernt.