Die Ideale, der Fahrradausflug, die Papiergirlanden vom vergangenen Jahr. Heute trägt Andrea noch immer gerne rote Halstücher und hellblaue Hemden. Thea promoviert über barocke Begräbnisdichtung in Pommern, Egbert über methodische Probleme des Unterrichts in einer 10. Klasse. Das geht alles seinen nachsozialistischen Gang. Die Stipendien für Studenten und "Forschis" laufen nach Plan, die Wohnsilos stehen, das Wasser in der Universitätsbibliothek bedroht vorerst nur die Folianten im Keller, die Fahne flattert vorm Fenster. Einzig Andrea hat noch Schwierigkeiten mit der Wende. Sie promoviert über einen Greifswalder Dichter: über Wolfgang Koeppen. In der Staatsbibliothek in West-Berlin hat sie eine Bibliographie entdeckt, die zwei Jahre alt ist und von der sie noch nie etwas gehört hatte. Vor der westdeutschen Koeppen-Literatur "versagt ihr Besteck" – Frankfurter Schule, Foucault, Derrida, Lyotard, Identitätsproblematik. Wie soll sie da mithalten, bei den drei "Interpretationshansels", mit deren Werken sie ausgerüstet wurde? Eine Freundin hat ihre Doktorarbeit zur Geschichte der SED nach zweijähriger Arbeit im November sofort aufgegeben.

Die Bundesrepublik? Die ist groß, und die ist weit. Der Anschluß an Südschweden, der wäre den Studenten lieber. Südschweden! Das liegt in jeder Hinsicht näher. Ein ordentliches Land, ein gerechtes Land am Meer. Das "schwedische Modell" ist für viele junge Intellektuelle ein neues Wort für Utopie. Und Westdeutschland? Da braucht man sich doch bloß dieses Nudelholz aus Marmor anzusehen. Enttäuscht hält mir Egbert eine besonders edle Nudelrolle unter die Nase. Ein Hochzeitsgeschenk. Was kann ein Land schon taugen, in dem man so was einfach kaufen kann. Was wäre das vor einem Jahr noch für eine Freude gewesen! Heute weiß man, daß das jeder kaufen kann und daß es noch nicht einmal teuer ist. Das Glück? Ein Land, in dem man sich freut, aus ganzem Herzen, über marmorne Nudelhölzer.

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"Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht die Nacht... Auch Götter verwesen." Ein junger Mann in Sandalen rezitiert vor seinen Studenten. Das Deutsche Seminar in Greifswald liegt versteckt auf dem Hinterhof einer Augenklinik, neben einem Hühnerhof und neben dem Untersuchungsgefängnis. Darin hat der junge Mann einst gesessen, der jetzt vor den künftigen Literaturlehrern des vereinten Deutschland zum ersten Mal Nietzsche zitiert. Nietzsche: Bis heute ist in der DDR einzig "Ecce Homo" als nahezu unbenutzbares Faksimile erschienen. Eine fertig gedruckte Reclam-Ausgabe wurde in letzter Minute wieder eingestampft. Eine ganze "Erbelinie" ... in der falschen "Erbediskussion" einfach untergegangen ... dabei so wichtig für Thomas Mann und viele andere, schon wegen des "aphoristischen Weltbildes". Der junge Dozent gerät ins Schwärmen. Schuld an diesem Untergang seien nicht zuletzt Wolfgang Harich und sein Aufsatz "Zur Revision des marxistisch-leninistischen Nietzschebildes". Wer ist Wolfgang Harich? Niemand weiß es. Ein junger Mann mit schwarzrotgoldenem Aufkleber auf dem Heftdeckel vermutet, daß Harich ein russischer Spion war.

Doch vergessene Erbelinien und russische Spione können die Herzen der Greifswalder Lehramtskandidaten nicht rühren. Gelesen hat ohnehin noch keiner eine Zeile von Nietzsche. In der Fachbereichsbibliothek steht er nicht einmal im (noch immer verschlossenen) "BRD-Schrank", in dem jahrzehntelang Autoren wie Hildegard Knef und F.J. Raddatz, Konsalik und Enzensberger, Julien Green und Ina Seidel mit Erfolg vor dem "Zerlesenwerden" bewahrt wurden.

Auch in der Universitätsbibliothek wurde bis vor kurzem ein allzu reges Leihwesen durch eine fein abgestimmte "Sekretierung" der Bücher verhindert, deren Bleistiftspuren sich noch immer auf den Buchkarten befinden: "bürgerlich-fortschrittlich", "bürgerlich-wissenschaftlich", "fortschrittlich-wissenschaftlich", "bedingt brauchbar" wurde da von kundiger Hand vermerkt. Über die Bedeutung dieser Unterscheidungen kann schon heute niemand mehr Auskunft geben. "Das war vor meiner Zeit", sagt der Bibliothekar. Eine besonders frühe Gnade der späten Geburt.

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