"Werter Prof. Dr. sc. W. Sikora! In Anbetracht der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in unserem Land erscheinen uns einige der von Ihnen ausgearbeiteten Prüfungsthemen fragwürdig. Wir sind der Meinung, daß es zu vielen Themen noch keine fundierten Aussagen, sondern nur persönliche Meinungen und Standpunkte geben kann, da zur Zeit keinerlei konkret festgelegte Richtlinien zur a) Bildungspolitik und b) Bildung und Erziehung seitens des Bildungsministers unseres Landes existieren. Ihre Studenten."

Ein Flugblatt aus Greifswald. Werter Herr Professor, die Richtlinie a und die Richtlinie b, ausgearbeitet und vom Minister. Werter Herr Professor, konkret und festgelegt. Die neuen Studien zum noch immer autoritären Charakter, wer wird sie schreiben? Die vielen Arbeitslosen des einst

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blühenden Wissenschaftszweigs Marxismus-Leninismus, die neuen Gesellschaftswissenschaftler der DDR?

"Wer, wenn nicht wir, die Denkzellen der Gesellschaft", sollen das machen: "eine Soziologie der DDR-Gesellschaft erstellen", "die Wirklichkeit soziologisch durchdringen", "ihre Grundwidersprüche aufdecken" – der ehemalige Marxismus-Leninismus-Dozent Jürgen Trinkus hat viel vor. Messer und Gabel, mit denen solche Scheiben geschnitten, solche Theorieportionen hergerichtet werden sollen, scheppern zwischen den Worten. Das Besteck versagt auch hier.

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Messerchen, Gabelchen und Löffelchen: Ordentlich in Plaste-Säckchen verpackt tragen die Greifswalder Studenten ihr Besteck zur Mensa. Nach dem Essen bildet sich eine lange Schlange an der Wasserspüle. Messer und Gabel wollen a) gewaschen und b) ins Säckchen zurückgepackt werden. Anders als in den Wohnheimen stapelt sich hier kein Müll. Aseptische Leere auf Tischen und Wänden, kein Plakat, kein Flugblatt, keine Wohnungsgesuche, keine Selbsterfahrungs- und Mitfahrangebote. Eine Stimmung wie im Ikea-Katalog. Südschwedische Verhältnisse. Alles sauber, alles praktisch. Sittsame Mittellage. Nur viel, viel grauer. Ein wenig Farbe lockt lediglich von den kecken Hütchen der ersten DDR-Burschenschaftler, die, mit ihren bunten Schärpen verziert, in den Ecken lange Gespräche mit älteren Herren führen. Außen hui, innen sehr lutherisch. "Daß der freie Wille nichts sei" – De servo arbitrio, wie Luther wohl an dieser Stelle sagen würde.