"Komm mit, aber ich bleibe. Ich werde die Morgenzeitung nicht im dämmernden Paris, hustend, in einem berühmten Bistro am Boulevard Saint Mitzschel aufschlagen." Vier sitzen am Tsch in einer Dachkammer des Deutschen Seminars in Greifswald. Drei Studenten. Ein Dozent – Ringelpulli, Vollbart, kohlhäsisch genau und liebenswürdig unbeholfen. Auf dem Tisch stapeln sich Lyrikbände. Die Studenten lesen vor, der Dozent sucht nach neuen Strophen und Konkordanzen. Die drei Literaturstudenten wollen mehr wissen, als ein Lehrer in der DDR wissen muß. Der Dozent tut, was nicht im "Anforderungskatalog" steht und nicht bezahlt wird: Er hält ein Privatissimum zur DDR-Lyrik der achtziger Jahre. Mensching, Faktor, Kolbe, Pietrass, Schedlinski, Papenfuß, ein Raubdruck aus Stralsund, ein Raubdruck aus Rostock. Die "Gegensprache" dieser Lyrik, richtet sie sich gegen die Diktatur, oder ist sie zeitlos? Man diskutiert drei lange Stunden, verabschiedet sich schüchtern, wortkarg, wünscht gute Ferien. Die Worte würgen. Das Sprechen ist ein Experiment. In den Raubdrucken, auf den Abwegen von Greifswald.

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Wo findet man Franz Kafka in Rostock? Die junge Bibliothekarin sucht einen Schlüssel. "Bitte folgen Sie mir." Kafka steht in einer Abstellkammer, dem "BRD-Magazin" des Deutschen Seminars in Rostock. Er steht da in guter Gesellschaft. Alle stehen sie da, Musil, Broch, Habermas, Adorno ... und ganz hinten auf einer Ablage ein großer Stapel der ZEIT, "aus Platzgründen und weil das ja doch niemand liest". Ihr Kämmerlein aufschließen würde die junge Dame inzwischen jedem, sogar ausleihen darf man ihre Schätze, aber es kommt niemand, der hier Einlaß begehrt. "Eine Zeitung, in der jeder schreiben kann, was er will und wieviel er will, was ist daran interessant?" fragt mich eine Germanistikstudentin. "Die Wortflut banalisiert alles. Vielleicht sind die Studenten in der Bundesrepublik deshalb alle so banal. Ein Buch, das man sich nicht ‚erobern‘ mußte, hat wenig Bedeutung." Das erste Heimweh nach der Mauer? "Uninteresse", sagt die Bibliothekarin.

Auf dem Flur vor verschlossener Abstellkammer debattieren zwei Studenten über Stalins Schuld an Hitlers Überfall auf Rußland, "letztlich auf unsere Kosten", wie sie meinen. Warum sie sich keine Bücher aus der Abstellkammer ausleihen? Sie haben andere Sorgen, als jetzt "den letzten Böll" zu lesen. Das Kind in der Schule soll plötzlich Förderunterricht bekommen, und ihre Straße, Str. d. DSF (Straße der deutsch-sowjetischen Freundschaft), muß umbenannt werden. Im Westen waren die beiden wie viele ihrer Kommilitonen noch nicht. Keine Zeit, kein Geld, kein Interesse.

Am Abend ein Treffen mit jungen Rostocker Nachwuchsautoren im "Haus zur Kühlung". Man liest Texte zur "Auseinandersetzung mit Erlebnissen während des Dienstes in den bewaffneten Organen". An der Garderobe erwartet den Besucher ein Schild: "Tragen auch Sie durch ihr Verhalten und Ihre Kleidung dazu bei, das Niveau und die Atmosphäre dieser Gaststätte zu halten." De servo arbitrio, wie gesagt.

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Niveau und Atmosphäre in den Gaststätten, der Geist in der Abstellkammer, die Nudelrolle auf dem Tisch, die Ideale im Herzen und die Fahnen vorm Fenster. Das Abseits als sicherer Ort im Endspiel der DDR. "Das Umschalten auf West ist noch immer nicht unsere Sache", gibt man mir mit auf den Weg, "und von den bißchen Tankstellen und Photokopierern lassen wir uns nicht so schnell beeindrucken. Letztlich ist bei euch auch alles nur stino – stinknormal wie überall."

Ade, ade! Schnell zurück ins Stino-Land. Nur keine "Bummelei" beim Versuch, das Endspiel zu verstehen. Gelernt? Gelernt.