Von Marlies Menge

Die Werbesprüche für den Sozialismus sind seit langem abgehängt, geworben wird inzwischen für anderes. An der Wand des Ostberliner Zollgebäudes, Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße, verheißt westliche Zigarettenreklame den "Geschmack von Freiheit und Abenteuer". Selbstbewußt hat ein Trabifahrer den Slogan "Test the West" angenommen: "Ich habe den West-Test gemacht" klebt an seiner Heckscheibe. Ostberliner Taxis fahren Reklame für Westberliner Zeitungen, Ostberliner Busse für Westberliner Möbelfirmen. Selten sind Sprüche zu lesen wie der, den kürzlich jemand ans Haus der Parlamentarier, das ehemalige ZK-Gebäude, gesprüht hat, unterhalb der Stelle, an der früher das SED-Emblem hing: "Trotz alledem – DDR!"

Auch wer vor Wochen noch für die langsame Vereinigung der deutschen Teilstaaten war, ist jetzt dafür, daß es so schnell wie möglich geht: "Damit wir es hinter uns haben, damit wir wissen, was Sache ist." Das Land ist in einem Schwebezustand, im Nichts-mehr und Noch-nichts. "Unsere billige Zahnpasta gibt es nicht mehr, eure nur zum Kurs eins zu drei oder sogar eins zu vier." Anderes aus volkseigener Produktion, Textilien zum Beispiel, wird zu Schleuderpreisen auf den Markt geworfen und findet doch kaum Abnehmer. Eine Jeansjacke, die früher fast 400 Mark kostete, gibt es jetzt für 150, ein Bikini ist von 120 auf 54 Mark herabgesetzt. Westliches lockt verführerischer, durch Aufmachung, durch den Reiz des Neuen.

Vor dem Ostberliner Amt für Technische Überprüfung steht, über mehrere Straßenzüge hinweg, eine Schlange von Gebrauchtautos westlicher Fabrikate, daneben die stolzen Besitzer in Erwartung des Stempels für ihr neuerworbenes Westblech. In der Altmark hat ein Westdeutscher sein Auto an einem Baum zu Schrott gefahren und es fertiggebracht, den Haufen Blech an einen DDR-Bürger zu verschenken, um die Abschleppkosten zu sparen. Der Beschenkte darf nun für das unbrauchbare Gefährt auch noch Zoll zahlen.

Trabant oder Wartburg kauft im Augenblick kaum jemand, schon deshalb nicht, weil man nicht sicher ist, ob es im vereinten Deutschland überhaupt noch erlaubt sein wird, die Zweitakter zu fahren. Die VEB Vergaserwerke haben kaum noch Aufträge. Aufträge aus dem Ostblock gibt es zwar genug, aber es ist nicht klar, wie es mit der Bezahlung wird, wenn auch im östlichen Deutschland die Westmark gilt.

Niemand weiß genau, was wird. Die 86jährige Rentnerin bangt um das kostenlose Mittagessen in der Kantine ihres ehemaligen Betriebes. Jeder, der es in seinem Betrieb durchsetzen kann, fährt schnell noch einmal zu einem billigen Urlaub an der Ostsee ins FDGB-Heim – höchst fraglich, ob es im nächsten Jahr diese Gewerkschaftsferienheime noch geben wird. Der FDGB liegt in den letzten Zügen. Die Kellnerin im chinesischen Restaurant erzählt, daß mehrere Köche aus China für die Gäste kochen und daß man nicht wisse, ob sie nach der Vereinigung bleiben dürfen. Freunde wollen seit Jahren ihr Einfamilienhaus verputzen lassen. In diesem Jahr endlich hat die private Maurerfirma einen Termin genannt: nach dem 1. Juli. Dafür bezahlen die Betriebe ihre Prämien oder den Ausgleich für Vorruhestand gern im voraus – noch im Juni. Die Listen mit den zukünftigen Vorruheständlern in den Betrieben werden immer länger, der Ton wird schärfer: "Wir wissen doch, daß entlassen werden muß", sagt eine Vierzigjährige, "ist doch besser, wenn sie die Älteren rausschmeißen als uns."

Sie erzählt, wie schwer es ist, eine Lehrstelle für die Tochter zu finden. Es soll kein "DDR-Beruf" sein, sondern einer, den es auch in der Bundesrepublik gibt, sie hatte an Laborantin gedacht. Da nicht sicher ist, daß die volkseigenen Betriebe im nächsten Jahr überhaupt noch existieren, ging sie mit der Tochter zum Wasserwerk, Wasser brauchen die Menschen schließlich immer. Die sagten, sie nähmen lieber Abiturienten. Nun habe sich die Tochter bei der Humboldt-Universität beworben. Die nähmen auch Zehntkläßler, allerdings nur mit allerbesten Noten.