Man ließ sich Zeit in Marbach – gut Ding will Weile haben. Verbindungen zwischen dem Literaturarchiv und Mary Gerold, der zweiten Ehefrau Tucholskys (und Universalerbin), hatten bereits seit den fünfziger Jahren bestanden. Ende der Sechziger wurde die Übergabe schriftlich festgehalten, das immense Material verschwand nach und nach in den klimageschützten Katakomben des Marbacher Bücherbergs. Seit über zwei Jahren ist Mary Gerold-Tucholsky tot, und man wartete immer noch geduldig auf eine Präsentation des Archivs, wie bei Nachlässen dieser Bedeutung üblich.

Nun hat man sich also, mit Verspätung, zu einer großen Jahresausstellung durchringen können. Ein kleiner Einblick in den "riesigen Bestand" wird gewährt, 400 Exponate sind ausgestellt, der Katalog ist auf 700 Seiten angeschwollen, üppig illustriert und mit Personenregister auch gut zu handhaben – ein rechter Wälzer. Eine Wonne für den Bibliophilen, der sich genüßlich zurücklehnen mag. Und auch die Ausstellung macht einen schonen Eindruck – alles wie gewohnt in Marbach.

"Jenseits aller Klischees" soll Tucholsky vorgeführt werden, "auch in seinen Grenzen und – warum nicht? – in seiner Fragwürdigkeit"; ein Konzept wird erläutert, das "durchaus monographisch (sei), dabei aber ganz und gar nicht biographisch, sondern entschieden thematisch organisiert". Schön. Man will den Mann also entmystifizieren, vom Sockel herunterholen – nix da mit großer Antifaschist, nix da mit Moralist oder kämpferischer Pazifist! "Die eigenen Gedanken" sind es, die Marbach interessieren, wie Ulrich Ott, der Direktor des Literaturarchivs, betont.

Eine spannende Demontage ist also zu erwarten. Und der Besucher beginnt, froh gestimmt, durch die Vitrinenlandschaft zu wandern, sieht extra gefälzelte Zeichnungen aus der Revolutionszeit; betrachtet putzige Sächelchen wie eine Pfannkuchentüte vom Café Kranzler, die sich erhalten hat über die Jahrzehnte, schmunzelt über einen Krickelkrakelzettel, mit dem sich Tucholsky die Zeit beim Warten vertrieb: "Wir sitzen hier im Tiergarten / Und tun auf den Kaffffffffffffffffffffffffee warten" – jawohl, mit 24 "f", laut Transkription im Katalog. Sogar einige Skizzen und Zeichnungen Tucholskys tauchen auf und immer noch unveröffentlichte Briefe oder Gedichte und Artikel, auch Leserzuschriften und Notizhefte. Der Besucher schwankt zwischen Rührung und Begeisterung: was da alles überlebt hat und wie es möglich war, dies zusammenzuführen und zusammenzuhalten!

Und Marbach ist sich der Wirkung seiner Schätze sehr sicher. Wer macht sich auch die Mühe, genauer hinzusehen?! 28 Kapitel sind – im Stehen – anstrengend genug. Aber man hatte ja hinzugefügt, daß man mit dieser Ausstellung auch "ärgern" wolle, denn sonst "täte (ein solches Projekt) Kurt Tucholsky Unrecht". Und von Denkmalinstandsetzung halten wir auch nicht viel. "Mir ist klar, meine Damen und Herren", betonte Jochen Meyer, der zuständige Archivar und Kompositeur der Ausstellung, in seiner Eröffnungsrede, "daß solche Subtilitäten nur dem aufmerksamen Leser des Kataloges aufgehen können". Wir sehen also hin – und ein ganzer Kosmos tut sich auf...

"Tucholsky und die Seinen" – dies der Titel der Ausstellung – möchte ärgern. Oder, wie es Meyer auch ausdrückte, ganz im Kahlschlagsstil der fünfziger Jahre: "Man muß aufbrechen, freiräumen für andere Blickrichtungen." Tucholsky wird als ein durch und durch unsympathischer Mensch präsentiert: im Krieg ein Musterschüler, "beängstigend wohlgenährt", der "dicke Tucholsky", gelegentlich "kriegerisch-galant", unredlich, scheinheilig, unwahrhaftig, käuflich gar, ein rechtes Stubenschwein, das lebte wie der Deibel – kurz: korrumpiert für jeden pazifistischen Kampf.

Durchtrieben geldgierig, unter Waschzwang stehend, nicht ganz bei Trost, wenn er seine Urteile fällte; ein gefühlsdusliger Demagoge, vergleicht man seine Haltung im Krieg mit seinen pazifistischen Polemiken später; ein "entlaufener Bürger", ein mittelmäßiger "Mann der Mitte", ein Zukurzgekommener offensichtlich. Nicht um Erklärung einer komplizierten Persönlichkeit scheint es in Marbach zu gehen, sondern um deren Entlarvung. Wir befinden uns auf dem Feld politischer Verzeichnung.