Sören sitzt vor dem Spiegel und zischt. "Schsch", zwängt er den Atem hinter den Schneidezähnen hervor. Rechts neben ihm tönt es "ßßßß" – Lehrer Hartmut Grüning zischt mit der gleichen Miene gegen den Spiegel wie sein fünfjähriger Schüler. Sören blickt aufmerksam auf das Spiegelbild neben dem seinen. "Schßßßsch", bläst er ihm entgegen. Hartmut Grüning wiegt langsam den Kopf, ergreift die kleinen Hände. Während er sein "ßß" ausstößt, preßt er sie gegen seine Brust, seinen Kehlkopf und seine Lippen. Sören soll das Zischen spüren, den Luftstrom zwischen den Zähnen fühlen – denn er kann ihn nicht hören: Sören ist taub.

In der Vorklasse der Schule für Hörgeschädigte in Schleswig lernt Sören das Sprechen. Worte werden mit Hilfe von Gegenständen oder Bildern erklärt. Sören muß versuchen, das Wort zu sprechen, indem er die Mundbewegungen seines Lehrers nachahmt, den Atem ausstößt und die Stimmbänder vibrieren läßt.

Heute übt Sören das stimmlose S. Das S ist besonders schwierig: "Es hat eine sehr geringe Variationsbreite", sagt Hartmut Grüning. Das heißt: Das S kann nur mit einer ganz bestimmten Mund- und Zahnstellung gebildet werden; den Unterkiefer ein wenig zu weit nach vorn oder hinten, und schon ist es ein "sch".

Obwohl Sören gehörlos ist, trägt er einen Kopfhörer. "Wir wissen nie mit letzter Sicherheit, ob noch Hörreste vorhanden sind, und wir wollen auch die geringste Chance nutzen", sagt Grüning. Er zischt sein "ßß" ins Mikrophon, aber der Junge schafft nur ein unsicheres "ßßschßß". "Gut – gut!" ruft Grüning und belohnt ihn mit einem freundlichen Blick und einem Klaps.

Von einem weißen Blatt neben dem Spiegel lächelt ein Gesicht: eine Zeichnung, die das Mundbild beim Zischen zeigt. Unter dem Kinn steht ein S mit einem Punkt darunter; der Punkt bedeutet: stimmlos – also "ß". Auf dem Tisch links neben dem Spiegel liegt eine Stoffmaus in Originalgröße. "Maus" ist das Leitwort für das stimmlose S, das heißt, Sören muß das S so aussprechen wie in "Maus". Doch das Wort hat er niemals gehört, und er wird es niemals hören können.

Der Lehrer tippt seinen Schüler an und zeigt auf das kleine Stofftier. Sören huscht mit dem rechten Zeigefinger über den linken Handteller: die Gebärde für "Maus". Das ist es: Sören hat diese Gebärde im Kopf, wenn er an eine Maus denkt. Mit den Gebärden verständigen sich die Gehörlosen untereinander; sie sprechen mit Händen, Fingern und Augen wie Hörende mit Zunge, Lippen und Kehlkopf.

In der Schleswiger Schule sind Gebärden allein nicht so gern gesehen; die Kinder sollen sie nur zur Unterstützung beim Sprechen benutzen – "lautsprachbegleitende Gebärden" heißen sie deshalb. Dabei müssen sich die gehörlosen Kinder an Satzbau und Grammatik der deutschen Sprache halten, sie müssen jedes Wort mit einer Gebärde "unterlegen": eine Gebärde für "ich", eine für "gehe" und eine für "heim". Doch das ist nicht die Art, wie sich die Kinder auf dem Schulhof unterhalten. Wenn Sören dort sagen will, daß er nach Hause geht, braucht er dazu nur eine einzige kurze Handbewegung: ein Schnappen von Daumen und Zeigefinger vor der Stirn. "Plaudern" nennt es Grüning.