Von Udo Perina

Jetzt sind wir es, die für die deutsche Einheit bluten müssen", klagt Frieda Schenk. Gemeinsam mit ihrem Mann hatte die Friseuse vor vier Jahren eine Eigentumswohnung im Frankfurter Nordend gekauft. Finanziert hatten sie die neunzig Quadratmeter Altbau mit einem tilgungsfreien Darlehen, abgesichert über eine Lebensversicherung. Die Konditionen waren verlockend: 6,7 Prozent effektiver Jahreszins für 300 000 Mark, Laufzeit fünf Jahre. Das bedeutet eine monatliche Belastung von 1675 Mark. Doch im kommenden Jahr läuft ihr Kreditvertrag aus, und ihre Bank wird höhere Zinsen verlangen. Möglicherweise werden die beiden dann 2500 Mark im Monat zahlen müssen, und falls die Zinsen dann noch höher sind als heute, sogar erheblich mehr. "Wenn das wirklich stimmt", befürchtet Frieda Schenk, "müssen wir unsere Wohnung verkaufen."

Seit bekannt ist, auf welche Weise die Vereinigung der beiden deutschen Staaten finanziert werden soll, grassiert unter Schuldnern die Angst vor einer lang anhaltenden Phase hoher Zinsen. Schon heute sind Kredite um sechzig bis achtzig Prozent teurer als noch vor zwei Jahren. Zehn Prozent Zinsen für ein Hypothekendarlehen und dreizehn Prozent für das Überziehen eines Girokontos sind die Regel. Nun besteht die Gefahr, daß diese Sätze noch steigen werden. Der Grund: Ein großer Teil der Kosten, die durch die Anpassung der DDR an die Bundesrepublik entstehen, wird mit Schulden bezahlt, und auf dem Geldmarkt herrscht unter anderem auch das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Je mehr Schulden gemacht werden, um so höher klettern die Preise, also die Zinsen.

An Warnern fehlt es nicht. Professor Norbert Kloten, Präsident der Landeszentralbank Baden-Württemberg, gehört ebenso dazu wie Bundespräsident Karl Otto Pöhl und Rüdiger Pohl, Mitglied des Sachverständigenrates. Sie alle befürchten, daß der Staat durch eine zu starke Neuverschuldung die Zinsen in die Höhe treiben könnte. Und selbst Eberhard Martini, designierter Präsident des Bundesverbandes Deutscher Banken, warnte Mitte Mai vor einer Finanzierung der deutschen Einheit auf Pump: "Bevor der Kapitalmarkt zu sehr belastet wird, wäre mir eine Steuererhöhung lieber."

Hohe Zinsen sind unerwünscht, weil sie das Wirtschaftswachstum bremsen. Zuerst jedoch treffen sie die privaten und gewerblichen Schuldner. Alle Spekulationen um steigende Zinsen leiden derzeit allerdings noch an einem großen Unsicherheitsfaktor: Niemand weiß bisher genau, wie hoch der zusätzliche Geldbedarf zur Finanzierung der Einheit tatsächlich ist. Experten haben errechnet, daß vom deutschen Kapitalmarkt allein in diesem Jahr mindestens noch vierzig, möglicherweise aber auch bis zu achtzig Milliarden Mark aufgebracht werden müssen – im kommenden Jahr sogar noch mehr. Allein der von Bund und Ländern beschlossene "Fonds Deutsche Einheit", mit dem Defizite im DDR-Haushalt gedeckt werden sollen, wird noch in diesem Jahr zwanzig Milliarden im Inland aufnehmen. Die Neuverschuldung der öffentlichen Hand, ursprünglich etwa fünfzig Milliarden Mark, erhöht sich damit schlagartig auf mindestens siebzig Milliarden.

Rentenhändler an der Frankfurter Wertpapierbörse spotten, daß Bonn die DDR auf die gleiche Art übernimmt wie amerikanische Finanzhaie fremde Unternehmen. Allerdings besorgt sich die Bundesrepublik das Geld nicht über riskante sogenannte Junk-Bonds, sondern über grundsolide Staatsanleihen. Die Händler rechnen damit, daß die ersten Anleihen.des Deutschlandfonds bereits im Juli auf den Markt kommen, adäquat der Ausgabe von Bundesanleihen.

Das heißt: Es werden börsennotierte Schuldscheine – auch festverzinsliche Wertpapiere, Renten oder Anleihen genannt – mit einem Volumen von meist mehreren Milliarden Mark aufgelgt. Diese Schuldscheine haben eine feste Laufzeit von in der Regel zehn Jahren und einen festen Zinssatz. Sie werden en bloc von einem Bundesanleihekonsortium übernommen, in dem alle wichtigen Banken und Bankengruppen vertreten sind. Für den Bund, beziehungsweise den Deutschlandfonds, ist die Sache damit erledigt. Er erhält von den Banken das benötigte Geld und weiß, was er jährlich zu zahlen hat. Das Geld für die Zinsen und für die spätere Tilgung holt er sich beim Steuerzahler. Zyniker sagen deshalb, Anleihen seien nichts anderes als eine hinausgeschobene Steuererhöhung. Eines ist der kreditfinanzierte Fonds allemal: eine teure Lösung. "Bei dem gegenwärtigen Zinsniveau ergeben sich für 95 Milliarden Mark Kreditfinanzierung Gesamtkosten von 275 Milliarden Mark", hat die Finanzexpertin der SPD, Ingrid Matthäus-Maier, längst vorgerechnet.