Von Hanns-Bruno Kammertöns

Mailand

Genug des Wartens auf den Anpfiff, Schluß mit den Spekulationen über diverse Extremitäten (Kohlers Knie, Maradonas Zehen), es wird gespielt, wir können Taten sehen.

Die Klänge der Eröffnungsfeier – zum erstenmal in einem direkten Vergleich Giuseppe Verdi und Giorgio Moroder – sind noch nicht verklungen, und schon überschlagen sich die Ereignisse. Elf Weltmeister aus Argentinien verlieren gegen neun No-names aus der Tiefe Afrikas, die bundesdeutsche Elite verzichtet entgegen aller Gewohnheit auf eine Blamage gleich zu Beginn und gewinnt meisterlich. Alles scheint möglich, was ist passiert?

Wir befinden uns im Giuseppe-Meazza-Stadion im Mailänder Vorort San Siro. Kaum ein Augur von Rang, der diese Arena in den letzten Wochen nicht mit breitem Pessimismus bedacht hätte. Die Spielfläche keine Spielfläche, sondern ein "unzumutbarer Kartoffelacker", mit einer High-Tech-Heizung versehen, die zu regulieren oder gar abzuschalten sich niemand imstande sähe. Und nun dies: Von einem grünen Rasen steigt ein mit Blumen besetzter riesiger Ballon in den azurblauen Himmel, Nabucco statt Preßlufthammer, statt Erdarbeiten Mannequins, lächelnd in Kostümen von Gianfranco Ferré. Alles ist möglich.

"Schön spielen, hoch gewinnen und Weltmeister werden" – Beckenbauers Leute waren noch nicht über den Brenner, als der Teamchef diese doch recht vollmundige Losung zum besten gab. Seit Sonntag abend ist davon auszugehen: der Mann meint es ernst. 4:1 gegen Jugoslawien; wenn der Eindruck nicht täuscht, ist es, anders als in Mexiko, Beckenbauer diesmal vergönnt, nicht mit Mittelmaß nach den Sternen greifen zu müssen. Klinsmann, Völler, Augenthaler, Brehme und vor allem Lothar Matthäus. In seiner Rolle als Kapitän der Mannschaft hatte er im Trainingslager deftigere Kost ("auch mal Knödel") zu den Mahlzeiten angemahnt. Woran es letztendlich auch immer gelegen hat: Matthäus durchschritt den gegnerischen Raum mit einer Leichtigkeit, die den Augenzeugen dazu veranlassen konnte, sich für den Tag des Endspiels, den 8. Juli, vorsorglich schon jetzt nichts vorzunehmen.

Angesichts der nun gesteigerten Erwartungen könnten natürlich ein paar dämpfende Worte, aus pädagogischen Gründen oder zur Pflege des Realitätssinns, durchaus angebracht sein. Von Franz Beckenbauer sind sie, davon ist auszugehen, gewiß nicht zu erwarten. "Wir gehörten vor WM-Beginn zu den Favoriten, und daran hat sich nichts geändert", sagte er am Sonntag abend.