Viele Jahrzehnte mußten die Berliner Denkmaler des 19. Jahrhunderts als stumme Stellvertreter ihrer Zeit dem Bildersturm der Moderne standhalten. Lieblos in Parkecken versteckt, mit Sprühspruchen übersät und auf jede erdenkliche Weise malträtiert, gehörten sie zur Quantité négligeable einer fortschrittlichen Gesellschaft, die darauf aus war, nicht den Blick zuruckzuwenden, sondern sich ihre eigenen Geschichtsbilder zu schaffen. Nun aber stehen sie wieder auf den Sockeln – all die Könige und Königinnen, die tapferen Ritter, die Philosophen und Staatslenker, die Dichterfürsten und ihre Musen, die Damen und Herren aus Spree-Athen dazu die Nymphen und die Arbeiter der Faust. Peter Bloch, der scheidende Direktor der Skulpturengalerie in Berlin-Dahlem, gibt mit der Präsentation von knapp vierhundert Skulpturen im Hamburger Bahnhof eine Abschiedsvorstellung mit den Protagonisten, die er seit mehr als zwanzig Jahren vor dem Verfall gerettet und der Vergessenheit entrissen hat. Im Titel der großen Ausstellung versucht er, die geistesgeschichtliche Dimension der Berliner Denkmalskunst von 1786 (dem Tod Friedrichs des Großen) bis 1914 auszuloten. "Ethos und Pathos" ist dabei die Formel, mit der er die idealisierende Menschendarstellung am Anfang des Jahrhunderts und die pathetische Geste wilhelminischer Selbstdarstellung am Jahrhundertende zu kennzeichnen versucht. Neben dem Klassizismus eines Gottfried Schadow über Christian Daniel Rauch und seine Schule bis zum Neubarock eines Reinhold Begas und Bildhauern des Jugendstils bietet die Ausstellung eine Fülle wiederzuentdeckender Skulpturen, deren überinszenierte Präsentation allerdings manches Mal den Eigenwert der Kunstwerke behindert. Der zweibändige Katalog kann als Standardwerk für die Berliner Skulptur des 19. Jahrhunderts gelten. (Hamburger Bahnhof, bis 29. Juli. Katalog dreißig Mark, Handbuch vierzig Mark)

Barbara Gaehtgens