Da haben Bonn und der lokale General-Anzeiger aber Glück gehabt. Das Umfrageinstitut Infratest ermittelte nämlich im Auftrag des Hauptstadtblattes, daß eine deutliche Mehrheit der Befragten Bonn einer Hauptstadt Berlin vorzieht. Noch vor wenigen Wochen sah die Stimmung ganz anders aus. Befragt wurden allerdings nur Bundesbürger und Westberliner.

48,7 Prozent meinen, Bonn solle auch in einem vereinten Deutschland Hauptstadt bleiben. Ganze 32,3 Prozent votierten für Berlin.

Unter den vielen Stimmen, die der General-Anzeiger in einer großen Beilage zur Hauptstadtfrage wiedergibt, klingt jene von Luigi Vittorio Ferraris am originellsten. Der unverwüstliche Exbotschafter Italiens am Rhein schreibt nämlich: "Die Hauptstadt der Deutschen ist überall." Deshalb sei es auch "ganz unbedeutend, wo nun, da wir in Erwartung eines europäischen Bundesstaates sind, die deutsche Regierung ihrer Arbeit nachgeht". Zu dieser ganz unbedeutenden Frage nimmt er aber, wie sich dann herausstellt, eine ganz eindeutige Haltung ein: "Zur Zeit sollte die Hauptstadt ruhig in Bonn bleiben. Die Europäer würde es ganz glücklich machen ... Es würde bedeuten, daß die Deutschen sich nach der Zukunft sehnen und nicht auf der Vergangenheit beharren." Das "kleine Deutschland", dieses wunderschöne, "individualisierte Land", das der europäischen Liebe für die "petites patries" entspreche, dürfe keinesfalls beeinträchtigt werden. Eine schöne, eine italienische Antwort zur Hauptstadtfrage.

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Laut Umfrage erzeugt die Idee, die in Bonn am lebhaftesten erwogen wird, eher Bedenken: Berlin zur Hauptstadt zu machen, aber nur den Sitz des Bundespräsidenten dorthin zu verlegen. 53,7 Prozent hielten das für falsch, 41,4 Prozent für richtig. Berlin-Skepsis äußert vor allem die jüngere Generation. Nur bei denen, die vor 1940 geboren sind, finden sich Mehrheiten für Berlin. 52,1 Prozent der Vierzehn- bis Neunzehnjährigen und sogar 56,6 Prozent der Twens entscheiden sich für Bonn.

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Für Johannes Rau symbolisierte Berlin ein "Zurück"; er plädiert für eine Amsterdam-Den-Haag-Lösung. Umgekehrt findet Werner Knopp von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz das "Sühneargument" grundfalsch. Die Reichshauptstadt symbolisch verantwortlich zu machen für das Unheil, das Deutschland anrichtete, nennt er ein "Bauernopfer, das eskapistisch wäre und nichts bewirkt".