Der Schriftsteller Botho Strauß, der 1989 den Buchner-Preis erhielt, hat die Preissumme von 60 000 Mark für einen ungewöhnlichen Wettbewerb gestiftet. Er möchte die Lektüre des Romans "Fluß ohne Ufer" von Hans Henny Jahnn befördern, und er wünscht sich, daß möglichst viele neue Leser ihre Eindrücke und Gedanken aufschreiben. Eine Jury wird die Manuskripte mit Geldpreisen auszeichnen.

Als die ZEIT Ende vergangenen Jahres zu diesem Wettbewerb aufrief, waren sich weder der Autor noch die Redaktion eines Hemmnisses bewußt, das der Verbreitung des Romans und also auch dem Wettbewerb im Wege steht: Das im Verlag Hoffmann und Campe erschienene, etwa 2700 Seiten umfassende Werk gibt es nur in einer dreibändigen Leinenausgabe zum Preis von 350 Mark. Das ist ein Betrag, der viele Leser abschreckt. Die bisher geringe Resonanz des Wettbewerbs bestätigt das. Gespräche mit dem Verlag über die Möglichkeit einer preiswerten Sonderausgabe waren erfolglos.

Es ist eine der ungerechtesten Pointen der deutschen Literaturgeschichte, daß der Roman "Fluß ohne Ufer", geschrieben 1934 bis 1946, bis heute nahezu unbekannt ist. Seinem literarischen Rang nach gehört er an die Seite der größten Werke dieses Jahrhunderts. Weshalb etwa Musils "Mann ohne Eigenschaften" zum festen Bestand des Kanons von literarisch Gebildeten gehört, Jahnns "Fluß ohne Ufer" hingegen nicht, ist ein Rätsel. Es hat sicherlich mit Jahnns unglücklicher Verlagsgeschichte zu tun, vielleicht auch damit, daß der Autor schon früh einen gewissen Ruhm für seine expressionistischen Dramen erlangte und hinfort als Verfasser befremdlicher und verstiegener Texte galt. Schließlich wurde Jahnns Rezeption dadurch behindert, daß man ihn im Umfeld einer Literatur der Homosexualität sah, wohin er nicht gehört. Sein Thema (unter anderem) ist die Aufhebung der Geschlechtlichkeit.

Wie auch immer: "Der Fluß ohne Ufer" ist ein Roman, der an sprachlicher Schönheit und an kompositioneller Kühnheit seinesgleichen sucht. Der erste Teil, "Das Holzschiff", beginnt mit allen Ingredienzien eines klassischen Seefahrerstücks à la Joseph Conrad. Ein Segelschiff mit geheimnisvoller Ladung, ein rätselhafter Superkargo, eine junge Frau und ihr Verlobter, ein rechtschaffener, überforderter Kapitän: Das ist das Personal einer Geschichte, die immer unheimlicher wird. Sturm auf See, Meuterei, Ermordung der Frau, Untergang des Schiffes: So endet der erste Teil. Der zweite trägt den Titel "Die Niederschrift des Gustav Anias Horn nachdem er neunundvierzig Jahre alt geworden war". Liest sich "Das Holzschiff" wie die gewaltige, rasch in die Katastrophe voranschreitende Ouverture, so ist die "Niederschrift" eine langsame, weit ausgreifende und die Themen entfaltende Symphonie. Erst in ihr wird Jahnns Originalität, seine monolithische Gestaltungskraft deutlich. Durch ihr Schicksal aneinandergekettet legen Gustav Anias Horn und sein Freund Alfred Tutein einen Weg zurück, der ein ganzes Leben umfaßt und alle Höhen und Tiefen des Empfindens und des Denkens ausschreitet. Die Musil des Komponisten Horn wird zum Bewegungsgesetz des Romans. Er sei, schrieb Jahnn, bis an die Grenze der ihm erreichbaren Wahrheit gegargen. Berückend schön sind seine Naturbeschreibungen, schmerzhaft luzide seine philosophischen Betrachtungen. All dies strömt in einem spannungsge adenen Erzählfluß mit wechselnden Tempi und vielfältigen Farben. Die "Niederschrift" endet wie "Das Holzschiff": mit einem Mord, beganger aus Dummheit. Ein "Epilog" schließt sich an.

Daß dieses Werk endlich gelesen werde, ist das Ziel von Botho Strauß. Sein Wettbewerb wird hoffentlich dazu beitragen. Teilnehmer mögen ihre Arbeiten (mindestens fünf Schreibmaschinenseiten) an die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (Alexandraweg 23, 61 Darmstadt) senden, Einsendeschluß: 31. Dezember 1990. Gm.