Von Bernhard Lutz

Der Eintritt eines Zwischenfalles oder Unfalles, der Bevölkerung oder Umwelt gefährden könnte, ist praktisch auszuschließen, da alle Planungen auf größtmögliche Sicherheit durch Vorbeugung abstellen." So zuversichtlich äußert sich das Verteidigungsministerium in Bonn über den geplanten Abtransport der chemischen Waffen aus der Bundesrepublik. Etwa 400 Tonnen tödliches Nervengas der Typen Sarin (GB) und VX, verteilt in 102 000 Granaten, lagern in einem US-Depot bei Clausen in der Westpfalz. In rund dreißig Lastwagenkonvois sollen sie zunächst zum Verladebahnhof nach Miesau westlich von Kaiserslautern transportiert werden und dann auf der Schiene quer durch die Bundesrepublik in die niedersächsische Hafenstadt Nordenham rollen. Schließlich sollen Schiffe die tödliche Fracht zur Verbrennung auf dem Johnston Atoll im Stillen Ozean schaukeln.

Doch das beim Überlandtransport entstehende Risiko für die Bevölkerung könnte womöglich ganz vermieden werden. So hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace erfahren, daß die US-Army in den siebziger Jahren Waffen mit GB und VX "erfolgreich chemisch neutralisiert und die dabei entstandenen Salze ohne Probleme transportiert hat". Bei zwei derartigen Operationen war James D. Knipp dabei. 24 Jahre lang hat Knipp in der US-Army gedient, zwei Jahre davon in Stuttgart. Als Chemieingenieur und Physiker wurde er im Chemie-Korps eingesetzt, und zwar "in der gleichen Abteilung, die jetzt den Abzug der Giftgasgranaten plant". Intensiv wurde dort der Gefechtsfeldeinsatz mit Chemiewaffen und deren Abwehr trainiert, Knipp hat selbst Nato-Offiziere darin ausgebildet. 1980 verließ er die Armee, heute lehrt der 56jährige am Bethel McKenzie College in Tennessee/USA.

Auf dem Johnston Atoll im Pazifik, wo auch die Waffen aus Clausen vernichtet werden sollen, wurden 1972 insgesamt neunzehn undichte M-55 Raketen erfolgreich neutralisiert. Achtzehn Raketen waren mit GB gefüllt, eine enthielt VX. Einzeln wurden sie in einem durchsichtigen, durch Gasfilter gesicherten Handschuhkasten geöffnet, in dem sich Werkzeug und ein Behälter mit Natronlauge befanden. An zwei definierten Stellen wurden die Raketen hierbei angebohrt, über einen Schlauch wurden die flüssig vorliegenden Gifte in den Behälter mit Natronlauge überführt und darin neutralisiert. Die entstandenen Salze sind vergleichsweise harmlos, sie wurden in den USA endgelagert. Funktioniert hat diese Methode auch ferngesteuert bei mehr als hundert tückischen M-34 "Cluster"-Bomben, die jeweils etwa siebzig Einzelgeschosse enthielten.

Im Verteidigungsministerium in Bonn will man von diesem Verfahren allerdings wenig wissen. "Neutralisieren vor Ort klingt gut", meint der speziell für Clausen zuständige Pressesprecher, Oberstleutnant Helmut Fischer. Das bedeute aber, extra eine Anlage mit der richtigen Infrastruktur zu bauen, wofür er allein fünf bis sechs Jahre veranschlagt. Außerdem fielen bei dieser Methode 400 Tonnen Sondermüll an. Man habe sich gemeinsam mit den Amerikanern verständigt und "angesichts der hohen Sicherheit" für den Transport entschieden.

Gleich "doppelt verpackt" soll die Munition auf Reisen gehen. Zunächst auf Paletten stabilisiert, werden die Granaten in ein "luftdichtes Stahlmagazin" verpackt, entsprechend der Auflage für den Transport gefährlicher Güter. Zehn Magazine wiederum kommen dann in große Container aus Stahlblech. "Da passiert innendrin nichts", versichert Fischer. Schließlich müßten die Granaten ja auch den gewaltigen Belastungen beim Abschuß widerstehen, ohne zu platzen.

Die Granaten, die alle "in den sechziger Jahren hierhergekommen" seien, sind laut Fischer lagerungs- und transportsicher. Jährlich würden die mit Sarin gefüllten Geschosse von außen kontrolliert, alle drei Jahre jene mit VX. Eine innere Korrosion der Geschosse ist für die Militärexperten "aufgrund des munitionstechnischen Aufbaues auszuschließen". Darauf – es handelt sich vor allem um einen Innenanstrich – hätten die Hersteller bei der Produktion vor mehr als zwanzig Jahren geachtet und derartige Lagerungszeiten einkalkuliert. Auch Experten von der Hardthöhe sowie Politiker und Abgeordnete aus Rheinland-Pfalz konnten sich wiederholt "von dem guten Zustand der Waffen überzeugen", zuletzt im März. Bei Wurf- und Falltests aus einem mit fünfzig Stundenkilometern fahrenden Auto beziehungsweise aus zwölf Meter Höhe sei kein Gift ausgetreten. Außerdem dürften bei dem Transport die Lastwagen ohnehin maximal vierzig Stundenkilometer fahren und die Züge neunzig Kilometer pro Stunde. Der Transport "ist technisch sicher", das sei auch die Auffassung der Amerikaner.