Von Benjamin Henrichs

Die Bühne ist öd und leer – ein kahles Gehäuse bis zur Brandmauer. In der Mitte der leeren Bühne steht ein Stuhl, und auf dem Stuhl sitzt Herr Iwanow, Gutsbesitzer in der russischen Provinz. Herr Iwanow scheint nicht glücklich zu sein, sondern erschöpft; bitter bis zur Betäubung. Bald wird der Zuschauer ahnen, daß es im Kopfinnern des Herrn Iwanow ganz ähnlich aussehen muß wie auf dieser Bühne: öd und leer, der Kopf ein kahles Gehäuse bis zur Schädeldecke.

Von draußen hört man Musik, immer wieder ungelenk anfangend, immer wieder ungeschickt abbrechend. Ein klimperndes Klavier, ein kratzendes Violoncello, eine etwas jaulende Frauenstimme. Keine Komposition, nur Bruchstücke, Trümmer. Eine Musik in Scherben. Bald wird der Zuschauer ahnen, daß er an diesem denkwürdigen Abend auch einem Scherbentheater zusehen wird – keiner harmonischen, schlüssigen Komposition, sondern einem Gewimmel von Menschen, einem Gewühle von Gefühlen. Mehr als eine heillose Verwirrung kann der Zuschauer aus diesem Theater nicht nach Hause tragen, und das ist gut so.

Herr Iwanow (Gert Voss) versteht die Welt nicht mehr. Das würde ihn wenig bekümmern, wenn er nur sich selber noch verstehen könnte. Natürlich ist er im Beruf gescheitert, natürlich hat er Schulden, aber das ist ihm, man muß schon sagen: scheißegal.

Iwanows Frau (Angela Winkler) ist auf den Tod erkrankt, ihr Geist ist verwirrt. Iwanow hat seine Frau geliebt (leidenschaftlich, sagt er), jetzt liebt er sie nicht mehr. So einfach ist das, so grauenhaft. Eine Erklärung hierfür weiß Iwanow nicht. Der Tod seiner Liebe erschüttert ihn nicht, der nahende Tod der einstmals Geliebten auch nicht. Iwanow schämt sich, aber er leidet nicht. Kein Schmerz dringt in das Innere seiner Betäubung.

Dem Herrn Iwanow ist das Leben schon zu Lebzeiten abhanden gekommen. Keiner weiß, warum; und er selber weiß es am allerwenigsten. Noch redet, jammert und gestikuliert er – schwärmt von dem kühnen, leidenschaftlichen Menschen, der er eben noch war, und dabei übertreibt er gewiß. Und er beschimpft den "Jammerlappen", der er jetzt ist, und auch damit tut er sich unrecht.

Man könnte Iwanow für einen tragikomischen Aufschneider halten, für einen der unzähligen Schwermutsschwätzer in Anton Tschechows Welt. Für einen, der es sich im eigenen Unglück gemütlich macht. Aber dazu sind seine Reden zu panisch, ist sein Verhalten zu krank. Seine Erschöpfung ist eine wahrhaft tödliche, und so ist Iwanow am Ende der Komödie wirklich und urplötzlich tot. Das verstehe, wer will.