Mit Milliardenaufwand will die europäische Industrie die Japaner bremsen

Von Karl-Heinz Büschemann

Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand redet neuerdings gerne über das Fernsehen. Wann immer er mit Politikern wichtiger Industrienationen zusammentrifft, lenkt er das Gespräch auf sein Lieblingskürzel HDTV, hinter dem sich ein völlig neues TV-System verbirgt. Dem Präsidenten liegt dieses Thema am Herzen, weil sich Europas Unterhaltungselektronik-Industrie im nächsten Jahrhundert davon Großes erwartet: Die Europäer, so ließ Mitterrand auch schon die Weltmachtpräsidenten George Bush und Michail Gorbatschow wissen, hätten auf diesem Zukunftsgebiet Hervorragendes anzubieten. Verglichen mit dem System der Japaner, daran läßt Mitterrand keinen Zweifel, habe das europäische Zukunftsfernsehen erhebliche Vorteile.

Daß sich selbst Frankreichs Staatspräsident des Themas HDTV (High Definition Television) annimmt, ist kein Zufall. Auf diesem Sektor bekriegen sich gerade – mit Milliardenaufwand – die Riesen der Branche aus Japan und deren europäische Konkurrenten; an der Spitze der staatseigene französische Konzern Thomson. Denn wieder einmal haben die Japaner die Nase vorn, und erneut drohen die fernöstlichen Konkurrenten der hiesigen Industrie einen Milliardenmarkt abzujagen. Grund genug für den Herrn im Elysée-Palast, das Thema zur Chefsache zu machen.

Das High-Definition-TV soll die Revolution des Fernsehens schlechthin werden. Nach gut fünfzig Jahren der alten Flimmerkiste arbeitet die Industrie fieberhaft daran, vielleicht schon bis Ende dieses Jahrzehnts den heimischen Fernsehschirm, einer Kinoleinwand immer ähnlicher werden zu lassen. Breite, vor allem aber flache Bildschirme, die wie Bilder an der Wand hängen, sollen die konventionellen TV-Geräte ablösen. Stereoton in CD-Qualität soll das neue TV-Erlebnis akustisch veredeln. Die Industrie gerät angesichts dieser Visionen ins Schwärmen. Auf der ganzen Welt gibt es im Moment ungefähr 760 Millionen TV-Geräte, die in einigen Jahren gegen moderne HDTV-Apparate ausgetauscht werden könnten. Ein gewaltiger Markt scheint sich zu öffnen, der bis zum Jahr 2010 Umsätze in dreistelliger Milliardenhöhe verspricht.

Die ersten aber, die sich dieses vielversprechenden Themas annahmen, waren die Japaner. Vor allem die Firma Sony hatte sich bereits Anfang der siebziger Jahre gemeinsam mit der japanischen Fernsehgesellschaft NHK Gedanken darüber gemacht, wie ein zukünftiges TV aussehen müßte. Ihr Grundgedanke: Das TV-Bild der Zukunft sollte aus doppelt so vielen Zeilen zusammengesetzt sein wie bisher. So seien größere und zugleich schärfere Bilder möglich. Europas Unterhaltungselektronik-Konzerne dagegen griffen diese Frage zunächst nicht auf.

Doch dann kam der große Knall. Auf der 1986 in Dubrovnik veranstalteten Tagung des Comité Consultatif International des Radiocommunications (CCIR), in dem die Postverwaltungen aller Länder Entscheidungen darüber treffen, nach welchen Normen Fernsehen weltweit zu funktioiieren hat, zogen plötzlich die japanischen Delegierten ein fertiges Konzept aus ihren Aktenkoffern. Die Versammlung möge festlegen, daß das Fernsehbild der Zukunft, das heute in den Vereinigten Staaten und in Japan aus 525 Zeilen und in Europa aus 625 Zeilen zusammengesetzt ist, aus 1125 Zeilen bestehen solle. Es sollte sechzigmal pro Sekunde auf dem Bildschirm erzeugt werden und mit einem Kantenverhältnis von sechzehn zu neun wesentlich breiter und flacher sein als die bisherigen Mattscheiben.