Von Robert Leicht

Kein Wunder, daß Manfred Stolpe für einen geborenen Diplomaten gehalten wird. Oft genug lieferte er Kabinettstücke der Kontaktpflege ab, eines seiner schönsten im vorigen Dezember.

Wie oft hatten die Potsdamer Richard von Weizsäcker zu ihrem traditionellen Adventslieder-Singen in die Nikolai-Kirche eingeladen! Doch Jahr um Jahr konnte der Bundespräsident die Einladung nicht annehmen, vor allem deshalb nicht, weil Erich Honecker seine protokollarischen Ansprüche angemeldet hatte. Nach Honecker-Sturz und Mauer-Öffnung war es endlich soweit: Richard von Weizsäcker kam am 3. Adventssonntag nach Potsdam.

Nach und nach füllte sich die Kirche. Doch bevor Weizsäcker eintraf, ging – ebenso unauffällig wie unerwartet – Hans Modrow durchs Kirchenschiff nach vorne zur Gästeempore. Wenig später folgte ihm Manfred Gerlach, der damals amtierende Staatsratsvorsitzende, alsbald noch der weiland Kirchenminister Lothar de Maizière. Dieses deutsch-deutsche Adventstreffen – der Kirchenmann Manfred Stolpe hatte es arrangiert; und angeblich hatte er den Bonnern vorher nicht verraten, wer noch alles kommen wird, schon um die Bedenkenträger aus dem Spiel zu halten.

Nach dem Konzert gab es einen kleinen Presseauftritt im Schloß Cecilienhof. "Dies ist zwar nur ein Phototermin", meinte Gastgeber Stolpe, "aber natürlich ist niemand daran gehindert, das Ereignis akustisch zu untermalen." Mit dieser Bemerkung nötigte Stolpe Weizsäcker wie Modrow nachgerade dazu, den Journalisten – und natürlich auch einander – ein paar extemporierte Worte zu sagen: Es wurde eine kleine Deutschstunde. Beim Abendessen fanden Weizsäcker und Modrow und die anderen Gäste Gelegenheiten zu Gesprächen unter vier Augen – zu Gesprächen, die auch dann nicht abrissen, als es im Frühjahr 1990 ansonsten eiskalt wurde zwischen Bonn und Ost-Berlin.

Am kommenden Sonntag wird Manfred Stolpe nicht nur die Fäden ziehen und, wenn es sein muß, mit einer handsignierten Visitenkarte inoffizielle Passepartouts oder auch mal ein fehlendes Visum ersetzen. Statt dessen wird er selber auf der Bühne stehen – zum ersten Mal vor der ganzen deutschen Nation. Seit 1954 hatte sich der Deutsche Bundestag am "Tag der Einheit" zum Gedenken an die Aufständischen vom 17. Juni 1953 versammelt. In diesem Jahr hat es ein Ende mit dem einseitigen Erinnern. Beide deutsche Staaten begehen den Tag dieses Mal gemeinsam. Im Ostberliner Schauspielhaus am Platz der Akademie werden sich Abgeordnete von Volkskammer und Bundestag versammeln. Auf die Begrüßung durch die Parlamentspräsidentinnen Bergmann-Pohl und Süssmuth folgt die Gedenkrede: Es spricht Konsistorialpräsident Manfred Stolpe.

Konsistorialräte und -präsidenten – das sind Juristen im Kirchendienst. Manfred Stolpe, obschon einer der führenden Gestalten in den protestantischen Kirchen der DDR, ist also kein Theologe. Der Stettiner des Jahrganges 1935 mit Greifswalder Abitur hat von 1955 an Rechtswissenschaften studiert, im Jahr 1959 sein Examen gemacht und seither im Dienst der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg gestanden, als deren oberster Verwaltungschef er heute im Ostteil seiner bald wieder zu vereinigenden Landeskirche agiert. (Über viele Jahre nahm er auch leitende Ämter im DDR-Kirchenbund wahr.)