Das Leben am Abgrund muß seinen eigenen Reiz haben, die Grünen kosten ihn jedenfalls bis zur Neige aus. Auf ihrem Parteitag am vorigen Wochenende vermieden sie zwar den Absturz in die Spaltung. Aber die Chance zu einem tragfähigen Kompromiß nutzten sie nicht. Immerhin redeten sie wieder einmal ernsthaft über die Ökologie. Doch ansonsten bleibt den Grünen die Krise erhalten.

Mittlerweile ist es sogar eine doppelte Krise. Die deutsch-deutsche Einigung, im Prinzip widerwillig akzeptiert, in ihrer Staatsvertragsform aber einmütig abgelehnt, bringt die Grünen bei gesamtdeutschen Wahlen in die bedrohliche Nähe der Fünf-Prozent-Hürde. Grün-grüne Vereinigung täte also wohl not, aber davon sind die DDR-Grünen weit entfernt. Viele westdeutsche Positionen (und Umgangsformen) mißfallen ihnen.

Zehn Jahre nach der Gründung sind die Flügelkämpfe noch immer nicht beigelegt, auch wenn sich abzeichnet, daß die radikalen Positionen an der vielbeschworenen Basis an Einfluß wie Gewicht verlieren. Aber eine verfehlte innerparteiliche Prozedur der Meinungsbildung und Entscheidungsfindung, mit dem Wort Basisdemokratie verschleiert, die in der Rotation und dem Verbot von Doppelfunktionen ihren Ausdruck findet, erlaubt es nach wie vor, daß die zielstrebige Arbeit der Mitglieder durch eine Parteispitze desavouiert wird, die mangels anderer Aufgaben vor den Wählern ideologische Windmühlenkämpfe öffentlich ausficht. Fast alle wissen es, aber kaum einer traut sich, diesen heiligen Kühen das Messer der Satzungsänderung oder der Urabstimmung zu zeigen.

Einige wenige haben es dennoch gewagt und in Dortmund die Quittung erhalten. Die Delegierten wählten einen linkslastigen Vorstand, der nicht unbedingt polarisieren muß, aber die innere Reform wieder einmal verschiebt. Der männliche Sprecher, Christian Ströbele aus Berlin, ließ bei allen markigen Worten wohl erkennen, daß Koalitionen mit der SPD kein Streitthema mehr sind, wenn damit die Bonner Regierung abgelöst werden kann. Doch die naheliegende Frage, ob denn die Erfolge in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ausreichen, der SPD im Bund ein Partner werden zu können, wurde wieder einmal vertagt. Wissen ist auch bei den Grünen eine Sache, Handeln durchaus eine andere. Zwei Schritte vorm Abgrund muß es wohl das Gefühl relativer Sicherheit geben. H. B.