Von Peter Menke-Glückert

BONN. – In Ost wie West haben Soldaten das gewohnte Feindbild verloren. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte empfiehlt die Nato ihren Mitgliedern keine weitere Erhöhung der Verteidigungsausgaben. Raketen werden verschrottet. Konversion – die Umwandlung von Rüstungs- in Friedensproduktion – ist gefragt. In einem Mitgliedsstaat des Warschauer Paktes, der DDR, wird ein Theologe und Kriegsdienstverweigerer Minister für Abrüstung und Verteidigung. 1989 sind zum ersten Mal in den letzten vierzig Jahren die Rüstungsausgaben und die Zahl bewaffneter Konflikte in der Welt rückläufig.

Was bisher Science-fiction war – der Fortfall der Bedrohung ist inzwischen soldatischer Alltag auf Kommandeurstagungen, auf Strategie-Konferenzen, in Tagesbefehlen. Doch fehlt für den Umbruch von Hochrüstung auf Friedensplanung, von Ost-West-Konfrontation auf Sicherheitspartnerschaft ein Konzept, das den Soldaten als neuer Auftrag einleuchtet.

Für ein solches Konzept lieferte ein Kolloquium der Planungsstäbe der Außenministerien der Sowjetunion und der Bundesrepublik Mitte Mai in Bonn wichtige Bausteine: Die Armeen in Ost wie West, Nationale Volksarmee und Bundeswehr, GI und Rotarmisten sollen gemeinsam das Überleben der Menschheit sichern. Dieser Auftrag müßte nicht nur der Abwehr militärischer Konflikte, sondern auch globalökologischer Katastrophen gelten. Ähnlich wie bei der Verifikation von Abrüstungsschritten müßte zum normalen soldatischen Auftrag die Überwachung von Umweltschäden und ihren Folgen gehören – etwa beim Eingreifen gegen schwerwiegende Luft- oder Gewässerverschmutzungen oder bei der Überwachung von Schiffsrouten, ob die Großtanker mit hochgiftigen Abfällen die Sicherheitsvorschriften einhalten.

Seit etwa zehn Jahren photographieren Flugzeuge der Bundesluftwaffe mit Spezialkameras die Schiffsrouten in der Nordsee; viele Umweltsünder wurden so erwischt. Seit 1974 messen zehn Warnämter des militärischen Katastrophenschutzes im Bundesgebiet Luftschadstoffe im Auftrag des Umweltbundesamtes.

Noch findet die Übernahme solcher Umweltaufgaben durch Soldaten meist außerhalb ihres offiziellen Auftrages statt. Noch sind derartige Greenpeace-Aktivitäten in keiner militärischen Dienst- oder Ausbildungsvorschrift zu finden.

Doch inzwischen ist es an der Zeit, in den Streitkräften regelrechte Umwelt-Spezialeinheiten zu bilden: Störfall-Kommandos in umweltbelasteten Regionen, Umwelt-Pionier-Bataillone, die bodenverseuchte Standorte sichern und sanieren, Altlasten beseitigen und schließlich Muster- und Pilotanlagen in den Umwelt-Notstandsgebieten der DDR errichten. Eine Umweltschutz-Grundausbildung statt des jetzigen "Gammel-Dienstes" in Bundeswehr und Nationaler Volksarmee – das wäre jetzt erforderlich.