Von Ernst Hart

Ich kannte ihn seit Jahren, seit 1950. Damals hatte ich das Staatsexamen kaum hinter mir, und er war einer meiner ersten Patienten in der psychiatrischen Poliklinik gewesen: verschlossen, bedrückt, Schlafstörungen, Schwindelgefühle, Ohnmachtsneigung und ähnlich uncharakteristische körperliche Befunde. Subdepressiv, lavierte, wenn nicht neurotische Depression, so lauteten die diagnostischen Erwägungen der älteren nervenärztlichen Kollegen.

Er und ich, wir waren etwa gleich alt, Ende zwanzig, beide den Krieg über in Rußland, kurze Zeit bei benachbarten Divisionen mit gemeinsamen Erinnerungen. Dies kam einmal bei den kurzen therapeutischen Gesprächen heraus. Die Erinnerung schlug eine Brücke, die ihn mit jahrelangen Pausen immer wieder einmal zu mir geführt hatte, obwohl weder die Diagnose klarer wurde, noch die sich an unsere Gespräche anschließende, von ihm geschilderte Besserung von mir durch die milde Pharmakotherapie so recht begründet werden konnte.

Immerhin, er war beruflich erfolgreich, und der Kontakt zu ihm stellte sich jeweils nach wenigen Minuten ein – ein Gefühl gleicher Wellenlänge, zwar nicht Voraussetzung eines ärztlichen Gespräches, aber diesem doch förderlich. Und dennoch blieb er mir undurchsichtig, zumindest diagnostisch.

Nun war er wieder da, berichtete über im Grunde befriedigende Jahre, über Kinder aus glücklich empfundener Ehe, und doch dazwischen immer wieder, verstärkt seit kurzem, Alpträume mit Herzjagen, Schweißausbruch, tagsüber Depressionen. Also doch eine phasenhafte affektive Psychose. Nicht zu rasch wollte ich den Rezeptblock heranrücken, blieb im Wechselgespräch, erinnerte – nicht sehr fachgemäß und wenig tiefschürfend – an doch auch früher durchgestandene schwere Zeiten, selbst damals ... in Rußland. Er versank in sich. Minuten schienen zu vergehen, bis er gequält den Blick erhob, ihn gleich wieder senkte, um dann durch mich hindurchzustarren: Haben Sie das gelesen von den potentiellen Mördern? Sicher hatte ich es, war von dem Urteil angerührt gewesen, beeindruckt von seiner Sachlichkeit, wissend auch um die Vielschichtigkeit in eigener Erinnerung an fast vier Jahre an der russischen Front. Mit brüchiger Stimme die Frage: Sie wissen, wie es war, Herr Doktor? Wie es wieder sein könnte? Und stockend:

Ich war kein potentieller Mörder, ich war ein Mörder. Seit damals, vor allem seit meiner Heimkehr schrecke ich nachts aus dem Traum, gejagt als Mörder, schuldig am Tod der Nächsten, Minuten nicht gewiß, ob Mörder, aufwachend, kaum getröstet, doch keiner zu sein, die Familie nicht ins Unglück gestürzt zu haben, und mir in meinem Innersten letztlich bewußt, Mörder gewesen zu sein. Bei der SS, auf Sonderkommandos? Nein, gewöhnlicher Soldat einer Frontdivision, mit siebzehn als Kriegsfreiwilliger dem Abitur entflohen, kaum bei der Kampftruppe, im Juni 1941 nach Rußland einmarschiert, die ersten Toten, nächtliche Überfälle auf eigene Posten, Kommissarbefehl. Selbst eben noch als Jungvolkführer erzogen, erziehend, jetzt "in Bewährung".

Eines Abends Einmarsch in die schon niedergebrannte Stadt am Njemen, eingeteilt zur Nachtwache mit Streifen zwischen den bis auf die ragenden Kamine zerstörten Häusern, den widerlichen Gestank kalten Qualmes und verbrannten Fleisches in der Nase. Es galt, die Fahrzeuge zu bewachen, den erschöpften Schlaf der Kameraden. Der Befehl war eindeutig, sofort zu erschießen, wer dem nächtlichen Ausgehverbot trotzend außerhalb der Trümmer und Keller auftauchte. Wir waren zur Doppelstreife eingeteilt, ich selbst, noch nicht Gefreiter, aber schon als Reserveoffiziersanwärter angesehen, gemeinsam mit einem jungen Bauernburschen, eigentlich dem Kompaniedeppen, einem dem Abiturienten als einfältig erscheinenden "Primitivling".