Die militärische, die politische, die soziale Sicherheit – das waren Hauptstaatsziele, die nicht nur mit dem Sicherheitsbedürfnis der Schutzmacht Sowjetunion, sondern auch mit dem der Regierenden zu tun hatten. Unter dem Faschismus waren sie die Gejagten und Verfolgten gewesen, sie waren emigriert oder saßen in Hitlers Gefängnissen. Und: Sie hatten die unsichere Existenz des Arbeiters im krisengeschüttelten Kapitalismus erlebt. Ihre Alternative hieß: Sicherheit – vor dem imperialistischen Aggressor, vor der Krisenwirtschaft der Monopole, vor der Gefahr neofaschistischer Umtriebe.

Das "Leben in Sicherheit und Geborgenheit" spielte in der Propaganda eine Hauptrolle. Den Schutz der "eigenen" Bevölkerung vor den alten Unsicherheiten ließen sich die Mächtigen einiges kosten. Sie bauten einen antifaschistischen Schutzwall, sie subventionierten das Lebensnotwendige, sie garantierten jedem Arbeitsfähigen einen Arbeitsplatz. Und sie leisteten sich einen gigantischen Sicherheitsapparat, der mit seiner flächendeckenden Überwachung ins Absurde pervertierte.

In der Umgangssprache bekam das Wort "Sicherheit" einen dubiosen Klang, es schwangen diese einschnürenden Absicherungen des Daseins mit und die Bequemlichkeit, zu der ein so abgesichertes Leben erzog. "Die Sicherheit" hieß umgangssprachlich jener Apparat, der das Sicherheitsdenken der Mächtigen zur Orwellschen Konsequenz getrieben hat.

Sich absichern mußte jedermann, der als Leiter eine Entscheidung zu treffen hatte. Bezeichnenderweise hatte man sich stets nach oben, nie nach unten abzusichern. Wer sich abgesichert hatte, konnte leiten, ohne Verantwortung übernehmen zu müssen.

Der Begriff der Rechtssicherheit war über Jahrzehnte als Terminus des "bürgerlichen Demokratismus" verpönt, bis Egon Krenz ihn 1985 auf einer Tagung der DDR-Staatswissenschaftler sozialistisch definierte als die "Geborgenheit in den sicheren Verhältnissen unserer Arbeiter- und Bauernmacht".

Überhaupt: sozialistisch! Das Attribut, mit dessen Hilfe das ganze DDR-Leben aus der Geschichte gehoben wurde: in die neue Zeit. Es wertete alles nur Denkbare auf im Sinne des historisch Höheren, Besseren, es gab seinen Beziehungswörtern den Glanz der idealen Welt von morgen. Und zwar schon heute, schon jetzt!

Darauf, ergab sich eine merkwürdige Doppeldeutigkeit: Was sozialistisch hieß, konnte etwas Realsozialistisches, also Wirkliches sein oder etwas Idealsozialistisches, also Unwirkliches, meisten aber meinte es beides. Eine beabsichtigte Verschwommenheit. Beabsichtigt war, die Wirklichkeit durch ihre Bezeichnung aufzuwerten. Tatsächlich aber wurde die Bezeichnung vom Bezeichneten eingeholt, womit sie allen utopischen Glanz verlor und sich in der Umgangssprache ins Ironische wendete: "sozialistische Einkaufsreihe" konnte eine Warteschlange spitzzüngig genannt werden.