Von Marion Gräfin Dönhoff

Es begann mit der Paßkontrolle in Erquelinnes, wo der Beamte mit geübtem Auge sofort feststellte, daß zwar meine Einreise nach Spanien durch Österreich und Italien ordnungsgemäß erfolgt war, aber daß mir für die Heimreise aus Spanien durch Belgien das Transitvisum fehle. Wortlos steckte er den Paß ein und hastete davon, um, wie ich optimistisch meinte, einen Vorgesetzten um Rat anzugehen. Mit der Geduld und Gleichgültigkeit, die unsereinen die jahrelange Erfahrung im Umgang mit Bürokraten gelehrt hat, wartete ich und tröstete nebenbei auch eine lamentierende Amerikanerin deutscher Herkunft, die ihrem deutschen Paß treu geblieben war und die ebenfalls versäumt hatte, sich das belgische Visum zu besorgen. Sie reiste mit ihrer zwölfjährigen Tochter und wollte nach Hamburg.

Zuerst geschah gar nichts. Der Zug fuhr weiter, und ich fuhr mit. Wir reisten quer durch Belgien. Und erst an der belgisch-deutschen Grenze, in Herbesthal, erschien wieder ein Beamter, der erneut die Pässe zu sehen verlangte, und bei dieser Gelegenheit stellte sich dann heraus, daß sein Kollege, der in Erquelinnes ausgestiegen war, nach Beendigung der Revision mit unseren Pässen in Charleroi einfach ausgestiegen war und daß wir – die Amerikanerin und ich – in Lüttich und Namur bereits durch Lautsprecher mehrfach aufgefordert worden waren, den Zug zu verlassen. Die Bahnpolizei machte bedenkliche Gesichter und nötigte uns auszusteigen. Dies also geschah im mitternächtlichen Herbesthal, unweit von Aachen.

Am nächsten Morgen waren wieder andere Polizisten da, recht unfreundliche, die uns mitteilten, wir müßten nach Erquelinnes an die französische Grenze zurück, um die Pässe dort in Empfang zu nehmen. So geschah es denn, und abends um sieben trafen wir mit Kind und sechs Stück Gepäck wieder in Erquelinnes ein, wo wir hofften, eine Stunde später den Expreß in Richtung Nordosten wieder besteigen zu können. Ein Telephongespräch förderte sodann zutage: Die belgische Polizei hatte die Pässe nach Jeumont auf die französische Seite der Grenze geschickt. Nun sollten wir paßlos eine europäische Grenze passieren, weil Paßkontrolleure dies so eingerichtet hatten – welch eine Köpenickiade!

Nach etwa einer Stunde erschienen mit zorngeröteten Gesichtern zwei Polizisten, die wie Feuerwehrkommandanten aus dem "Simpl" des Jahrgangs 1912 aussahen, und stellten uns die Alternative, entweder zu Fuß über die französische Grenze zu gehen (ein Zug ging nicht mehr) oder – sejour im belgischen Gefängnis zu nehmen. So schulterten wir denn die Koffer.

Endlich der Schlagbaum! Sechs Franzosen saßen auf einer Bank und schauten interessiert zu, wie die Belgier, die finster dreinblickten, uns die Pässe aushändigten mit der liebenswürdigen Maßgabe, daß wir bei nochmaligem Betreten ihres Hoheitsgebietes sofort verhaftet würden ... Wer könnte, wer müßte uns helfen? – Der belgische Konsul in Paris!

Es war neun Uhr abends. Der nächste Zug nach Paris führe am Morgen um sechs Uhr ab Jeumont. Der einzige Trost war, daß die Franzosen herzlich Anteil an unserem Schicksal nahmen und dafür sorgten, daß Mutter und Tochter mit Gepäck von einem durchreisenden Auto zum Bahnhof Jeumont gefahren wurden. Ich versuchte mich derweil mit einigen Camels zu revanchieren, bekam aber einen Korb: "Ich kann die Amerikaner nicht leiden und darum rauche ich auch ihr Kraut nicht", sagte einer der Männer. Meine schüchterne Antwort: "Wenn ich Ihnen nun aber sage, daß ich Deutsche bin, würden Sie wahrscheinlich auch keine französische Zigarette von mir nehmen", löste eine Diskussion im Kreise der Belegschaft über die Deutschen und die Amerikaner im allgemeinen aus; eine Debatte, die dann einstimmig mit der Feststellung schloß, daß tout de même die Deutschen Europäer seien und fraglos vorzuziehen wären. Schließlich verbände uns doch vieles, und das nächste Mal würden wir bestimmt auf derselben Seite sein ...