Bei den Amerikanern findet Helmut Kohl die oft entbehrte Anerkennung

Von Nina Grunenberg

Cambridge/Massachusetts, im Juni

Zehnmal schon hatte sich Helmut Kohl in einen Talar gezwängt und sich scheußlich gefunden. Für die elfte Ehrendoktorwürde, die er am Donnerstag vergangener Woche an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts entgegennahm, verzichtete er auf das akademische Gewand und kam in Zivil. In Gesellschaft der anderen sechs Persönlichkeiten, die gleich ihm von der ältesten und renommiertesten amerikanischen Universität ausgezeichnet wurden – unter ihnen Ella Fitzgerald, die große alte Dame des Jazz, Stephen Hawking, dessen physikalisches Genie mit dem Albert Einsteins in einem Atemzug genannt wird, und David Riesman, der Soziologe und Gelehrte der menschlichen Beziehungen überließ sich der Bundeskanzler der freudig bewegten Stimmung auf der traditionellen Feier zum Abschluß des akademischen Jahres.

Das große, eindrucksvolle Zeremoniell, mit dem Harvard-Präsident Derek Bok die 5600 jubelnden Absolventen in der Reihenfolge ihrer Fakultäten zu "educated women and men" ernannte und aus dem akademischen Elfenbeinturm auf die freie Wildbahn entließ, hat Kohl im letzten Jahr schon einmal erlebt. 1989 gehörte sein Sohn Walter, der in Harvard Geschichte und Wirtschaft studierte, zu den Absolventen des Jahrgangs. Kohl saß damals unter vielen tausend stolzen und bewegten Eltern, die dankbar in das "Gaudeamus igitur" ihrer Söhne und Töchter einstimmten. Hinterher sei er mit in ein Gasthaus zum Feiern gezogen, rekapitulierte Derek Bok in seinen Begrüßungsworten, und deshalb für die Festrede, für die den auswärtigen Würdenträgern vorbehaltene commencement Speech nicht zu gewinnen gewesen. Erst für dieses Jahr habe er die Einladung angenommen.

Was für Charmeure sie sein können, die amerikanischen Intellektuellen. Als hätten sie nie Zweifel an seiner Weisheit genährt und ihn nie als klutz abgetan – als jemanden, der ständig aneckt –, als hätte Bitburg, der unglückselige Besuch des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in der Eifel, nie stattgefunden und wäre Rabta, die mit deutscher Hilfe in die Libysche Wüste gesetzte Giftgasfabrik, nie gebaut und Helmut Kohl dafür von ihnen nie verantwortlich gemacht worden, feierten die Harvard-Professoren den deutschen Bundeskanzler jetzt als "eine der einflußreichsten politischen Persönlichkeiten der Welt", die einen historischen Moment nutzte, um dem deutschen Volk die Einheit wiederzugewinnen.

"In einer Zeit der Wunder zu einer gewaltigen Aufgabe berufen", hieß es in einer vom Pressebüro der Universität verteilten Laudatio, "kann er helfen, die letzten Kriegswunden zu heilen, für einen gerechten Frieden einzutreten und die auf unserer alten Erde seit Jahrhunderten genährte Hoffnung zu erneuern, die uns prophezeit, daß dereinst jedermann sicher und ohne Angst leben kann." Das Pathos muß für des Kanzlers Seele ein Labsal gewesen sein. Aber für die Deutschen ist es schwer verständlich. Immerhin verliert der "deutsche Herkules", als der er in Harvard respektvoll apostrophiert wurde, in der Bundesrepublik eine Landtagswahl nach der anderen und entnimmt den Umfrageergebnissen, daß er auch als Kanzler der deutschen Einheit niemandes Herzbube ist. Vielmehr muß er befürchten, daß die enorme Anstrengung, die ihm seit Herbst letzten Jahres abverlangt wird, sich nicht in deutlichen Stimmenzuwächsen niederschlägt, schon gar nicht in Dankadressen.