Von Frank Drieschner

Bremen

Stellen wir uns vor, wir leiteten einen volkseigenen Fischverarbeitungsbetrieb in der DDR. Natürlich wären wir aufs äußerste gespannt, was die Zukunft, die Marktwirtschaft, uns bringen würde, und hätten darum das vergangene Wochenende in Bremen verbracht: bei der "Fisch ’90 international", einer "Pflichtveranstaltung für alle, die am Aufwärtstrend der Meereskost teilhaben wollen", wie wir der Messe-Sondernummer des Fischmagazins entnommen haben.

Wir bummeln durch die Hallen, und das erste, was uns auffällt, sind Hummer. Braune Hummer, grüne Hummer, blaue Hummer. Hummer aus Kanada, Irland, Frankreich, Indonesien. Hummer in allen Größen, dichtgedrängt in den Aquarien der Aussteller – wir können uns nicht sattsehen. Eine kleine Broschüre vermittelt uns dazu westliches Know-how: "How to eat bot or cold boiled Clearwater Lobsters." Im Westen wird diese Frage immer wichtiger: Wir haben beim "Fischwirtschaftlichen Marketinginstitut" erfahren, daß die Branche besonders bei Krustentieren zulegt. Aber weil eine vierköpfige Familie für so eine Mahlzeit 150 Westmark ausgeben muß, lassen wir die kleine Hochglanzbroschüre von North America’s Largest Exporter of Live Lobsters erst mal liegen.

Ohnehin sind wir mehr an Grundkenntnissen interessiert und begeben uns zum "Messe-Tal": Ein holländischer Matjesproduzent steht einem Fachjournalisten Rede und Antwort. Unser Ostseehering, erfahren wir, ist als Matjes "absolut ungeeignet". Und, da staunen wir doch: Die Holländer fürchten um ihre Matjesproduktion, weil immer mehr Hering zu Fischmehl verarbeitet und an norwegische Zuchtlachse verfüttert werde.

Unser Nachbar ist übrigens aus dem gleichen Grund hier wie wir. Karl Hennings ist gewissermaßen Besitzer des volkseigenen "Betriebsteils Güstrow" im "VEB Fischverarbeitung Schwerin". 1953 habe man ihn enteignet und wenig später als Direktor eingestellt, erzählt er; jetzt hofft er, den Betrieb zurückzubekommen. Hennings ist ein Pessimist. Die Produktion müsse eingestellt werden, vermutet er – die Güstrower Salate und Marinaden "in primitiven Plastikdosen" werde in Zukunft niemand mehr kaufen. Die Kapazitäten der BRD aber seien so groß, "die wollen bei uns nicht investieren, sondern verkaufen. Die brauchen meinen Betrieb nicht." Aber er hofft, die volkseigene Kühlhalle in ein Vertriebsnetz für Westprodukte einbringen zu können. Jetzt interessiert er sich "für die vielen englischen Wörter, die bei uns nicht so bekannt sind: Marketing, High-Tech, und, und, und".

Das interessiert uns auch, und so gehen wir zum "Norwegischen Lachs Marketing- und Promotion-Center", wo Lachs-Promoter Stefan Stippl gerade die Fragen eines Journalisten beantwortet: "Wir versuchen zu verhindern, daß die drüben mit fragwürdigen Qualitäten überrannt werden. Die wissen doch gar nicht, was Lachs ist." Schon vor dem 1. Juli müsse man daher "in einer flächendeckenden Aktion eine Qualitätsnorm etablieren".